Welt : Goethes Lieblingskneipe feiert Geburtstag

Ralf Geißler

Die Geschichte vom Faust hat sie weltberühmt gemacht. Auch Jürgen Schneider schätzt die 475-jährigen GemäuerRalf Geißler

Für Ulrich Reinhardt war die Pleite von Jürgen Schneider ein Glücksfall. Nachdem der Baulöwe mit seinen Milliarden spurlos verschwunden war, wurde in Leipzig auch für Auerbachs Keller ein neuer Betreiber gesucht. Damals war der Goethe-Verehrer Ulrich Reinhardt hin und her gerissen. Abends habe ich mich heimlich vor den Eingang gestellt und die Gäste gezählt und schließlich gedacht: Das muss klappen. Obwohl Fachleute dem renommierten Restaurant Verluste prophezeiten, bewarb sich Reinhardt und bekam den Zuschlag.

Rote Zahlen hat Reinhardt nie geschrieben und an diesem Wochenende feiert Auerbachs Keller den 475. Geburtstag. Aus diesem Anlass ließ der Gastwirt auf dem Leipziger Marktplatz ein Festzelt aufbauen. Noch bis Sonntag gibt es einen sogenannten "Schlampamp" - ein Fest für Gaumen und Sinne. Zur Goethezeit war das der Ausdruck für Essen und Trinken bei guter Unterhaltung, berichtet der Gastwirt. Für die durstigen Kehlen wurde am Freitag bereits ein riesiges Weinfass angestochen. Wenn es am Sonntag leer getrunken ist, wird ein Illusionist das Fass in den Keller zaubern, wo Mephisto einst den Wein aus der Tischkante fließen ließ.

Goethes Tragödie vom Doktor Faustus hat Auerbachs Keller weltberühmt gemacht. Eine ganze Szene spielt in der Kneipe. Als junger Student war Goethe häufiger in Auerbachs Keller anzutreffen als in der Universität. Drei Flaschen Wein soll der 17-Jährige jeden Tag in der Schenke geschluckt haben. Am Ende bekam er einen Blutsturz und musste das Jurastudium abbrechen, berichtet Fasskellermeister Volker Maaß. Vielleicht hat Goethe ja den Rat des Mediziners Heinrich Stromer von Auerbach zu ernst genommen. Der Professor hatte 1525 das Lokal gegründet und empfohlen, Wein statt Wasser zu trinken. Damals ging die Pest um. Wein übertrage die Krankheit nicht, berichtet Volker Maaß. Der dienstälteste Mitarbeiter des Restaurants erzählt jeden Tag die Geschichte von Fausts Ritt auf dem Weinfass. "Wer Lust hat, darf auch mal selbst aufsitzen", verspricht Volker Maaß.

Allerdings ist das heutige Fass unbeweglich und keine 200 Jahre alt. Mit Gästen, die nur mal gucken wollen, hat Ulrich Reinhart seine Probleme. Wer die größte Sammlung von Faustgemälden der Welt sehen will, solle doch bitte auch etwas essen. "Ich bin Geschäftsmann", betont er. Auch seine Frau, die beiden Söhne und Reinhardts Schwester arbeiten in dem Lokal. Privatleben, Beruf und Hobby - für die Familie ist das alles eins. Anlässlich des Geburtstages hat der Chef wieder einige Kunstwerke in Auftrag gegeben. Darunter ein Gemälde von Volker Pohlenz, das Jürgen Schneider als Mephisto in der Kaiserpfalz zeigt. Der Abgebildete hat das Werk in der Zeitung gesehen und ist begeistert. "Es ist ein humorvolles Bild", schwärmt Jürgen Schneider. "Wenn ich Platz hätte, würde ich eine Kopie bei mir zu Hause aufhängen." Eingeladen ist der Pleitier zur Geburtstagsfeier aber nicht. "Ich sende ferne Grüße aus Kronberg", sagt der Bauherr und verspricht später vorbeizukommen. Das Personal sähe das nicht so gerne. "Nach dem Konkurs war ich kurzzeitig arbeitslos", erzählt Volker Maaß. Für die Popularität des gescheiterten Bauherren hat der Fasskellermeister wenig Verständnis.Weiteres zum Thema:

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