Welt : Grabenkämpfe

Spätestens in der Nacht zum Montag sollte Kalifornien erbeben. Nichts geschah

Stefanie Schwarz

In der Nacht zum Montag hätte es spätestens passieren sollen: das seit langem erwartete große Erdbeben im Süden Kaliforniens. Eine Gruppe von Seismologen um Keilis-Borok von der University of California in Los Angeles hatte die Wahrscheinlichkeit, dass diese Naturkatastrophe bis zum 5. September passiert, auf 50 Prozent geschätzt und mit dieser Prognose erhebliches Aufsehen erregt.

Die Erde aber blieb ruhig, das Ende der Frist verstrich ohne jede Erschütterung. Wie konnte es zu einer solchen falschen Prognose kommen? Sind Erdbeben überhaupt vorhersagbar? Was sagen andere Wissenschaftler nach der falschen Vorhersage? Keilis-Borok und seine Kollegen stützen ihre Prognose auf eine statistische Methode. Sie haben Erdbebenkataloge untersucht, die Zeitpunkt, Ort und Stärke jeder Bodenbewegung speichern. So haben sie herausgefunden, dass es vor einer großen Erschütterung eine Serie kleinerer Erdbeben gibt. Eine solche Reihe von Vorbeben ereignete sich im Herbst 2003 entlang des San Andreas-Grabens im Süden Kaliforniens. Daraufhin prognostizierten Seismologen ein Erdbeben der Stärke 6,4 oder mehr auf der Richterskala für die darauf folgenden neun Monate – also bis zum 5. September 2004.

Nach Angaben des Geologischen Dienstes der USA liegt die Wahrscheinlichkeit für eine starke Erschütterung in Südkalifornien zwischen 10 und 15 Prozent – und das für jeden beliebigen Zeitintervall von neun Monaten. „Die Wahrscheinlichkeit war laut Keilis-Borok bis zum 5. September also lediglich um den Faktor fünf erhöht“, sagt der Daniel Schorlemmer von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Die Prognose von Keilis-Borok sei von den Medien überbewertet worden.

Der Seismologe Schorlemmer wundert sich deshalb nicht, dass das vorhergesagte Beben ausgeblieben ist. „Eine Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent ist nicht allzu hoch“, sagt Schorlemmer. Andere Experten sind ebenso wenig erstaunt. „Rein statistische Methoden wie die von Keilis-Borok sind zweifelhaft“, sagt Gert Zöller von der Universität Potsdam. „Man muss zuerst die physikalischen Prozesse im Erdinneren verstehen, bevor man ein Erdbeben vorhersagen kann.“

Kalifornien ist schon lange als Erdbeben-Gebiet bekannt. Entlang des etwa 900 Kilometer langen San Andreas-Grabens treffen dort die Pazifische Platte und die nordamerikanische Kontinentalplatte aufeinander. Die Pazifische Platte schiebt sich nach Norden. Und das mit etwa fünf Zentimetern pro Jahr, also so schnell wie ein Fingernagel wächst. In weiten Teilen des San Andreas-Grabens gleitet das Gestein nicht einfach aneinander vorbei, sondern ist verhakt. Da sich die Kontinente aber bewegen, bauen sich im Gestein Spannungen auf. „Bei einem Erdbeben entlädt sich diese Spannung auf einen Schlag“, sagt Schorlemmer.

Ein solcher Schlag ereignete sich im Jahr 1906 in San Fransisco. Damals brach die San Andreas-Spalte auf einer Länge von 470 Kilometern auf und löste so ein Starkbeben der Stärke 7,9 aus. Durch die Bewegung des Untergrundes verschoben sich Straßen, Baumreihen oder Gartenzäune um bis zu sechs Meter.

Als zehn Jahre später die erste Geologiekarte von Kalifornien erschien, war der San Andreas-Graben dort nicht verzeichnet, obwohl er die Ursache des großen Bebens war. Der San Andreas-Graben ist aus der Luft deutlich sichtbar (siehe Foto).

In Kalifornien selbst spricht derzeit niemand von einem großen Erdbeben. Schließlich gehören Beben dort zum Alltag. Ein bisschen Aberglaube ist aber auch dabei: Es soll ein schlechtes Omen sein, darüber zu sprechen, vor allem von „The Big One“ – das Riesenbeben, auf das alle schon lange warten.

Peter Bormann vom Geoforschungszentrum in Potsdam muss jedoch jede Hoffnung enttäuschen. Er hält Erdbeben noch für unvorhersagbar, „zumindest den genauen Ort, Zeitpunkt oder Stärke“. Das Ausbleiben des vorhergesagten Bebens bestätigt seine Skepsis.

Andere Experten lassen sich davon nicht abhalten. Japanische Seismologen wollen gerade erst berechnet haben, dass sich in Tokio in den nächsten 50 Jahren ein Erdbeben der Stärke sieben ereignen könnte – mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit.

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