Welt : Grobheit ohne Gnade

Tim war zweieinhalb, als ihn der Freund seiner Mutter tötete. Oliver H. soll Kinder gehasst haben. Jetzt steht er vor Gericht

Tanja Stelzer[Itzehoe]

Montagnachmittag, Landgericht Itzehoe, Saal 11, der Zuschauerraum ist voll besetzt, der Filz am Boden schluckt jedes Geräusch. Die Verlesung der Anklage, Aktenzeichen 5 KS7/05, dauert gerade einmal anderthalb Minuten. Oliver H. ist angeklagt, am 8. 11. 2005 „einen Menschen getötet zu haben, ohne Mörder zu sein“. Der Mensch, um den es geht, war zweieinhalb und hieß Tim. Im Laufe des Abends habe Oliver H., von Beruf Tischler, ihn an den Armen gepackt, der Hinterkopf des Kindes sei mehrfach gegen eine harte Fläche geschlagen. „Der Angeklagte hat die Möglichkeit des Todeseintritts auf Grund der Grobheit seines Handelns billigend in Kauf genommen.“ Ob sich Oliver H. zur Sache äußern wolle? Oliver H., 38 Jahre, Jeans, knallblaues Hemd, sagt leise „Ja“. Drei Meter weiter blickt Monja H., blasses Gesicht, dunkler Pferdeschwanz, kurz auf. Tims Mutter, die Nebenklägerin und Zeugin ist in diesem Prozess. Elf Zeugen hat die Anklage benannt. Ihre Aussagen sollen nicht nur klären helfen, was am Abend des 8. November 2005 geschah, sondern auch, wann das Leiden von Tim aus Elmshorn wirklich begann. Der „Stern“ hat Fotos der Digitalkamera des Angeklagten veröffentlicht, die Tim drei Tage vor seinem Tod mit blauen Flecken auf Wange, Ellbogen und Arm zeigen. Oberstaatsanwalt Zepter spricht von Anhaltspunkten, dass das Kind schon vor dem eigentlichen Tatgeschehen misshandelt wurde; in dieser Sache (aber nicht wegen Tims Tod) wird auch gegen die Mutter ermittelt. Bei den Ermittlungen hatte sich gezeigt, dass Monja H. mit der Erziehung des Jungen offensichtlich überfordert war. Sie hatte deshalb regelmäßig ihren Nachbarn und neuen Freund Oliver H. gebeten, auf das Kind aufzupassen. Ein Arbeitskollege soll gesagt haben, Oliver H. habe Kinder „gehasst“.

Neben Monja H. sitzt Tims leiblicher Vater. Die beiden sind inzwischen wieder ein Paar. Als Tim verschwunden war, hatten sie sich gerade über das Sorgerecht für Tim geeinigt. Monja H. wollte die Einigung nicht gefährden, deshalb sagte sie der Polizei nicht die ganze Wahrheit, als sie Tim am 10. November als vermisst meldete. Die Beamten glaubten der erst 21-jährigen Mutter, vielleicht gerade, weil so unglaublich klang, was sie erzählte: Sie habe Tim an diesem Abend um 19 Uhr in sein Zimmer gebracht, sei dann selbst nebenan eingeschlafen. Zweieinhalb Stunden später sei das Kinderzimmer leer gewesen, die Tür der Wohnung verschlossen wie immer. Sechs Tage lang durchsuchten Polizisten Gärten, Häuser, Hallen in Elmshorn, Taucher stiegen in das Flüsschen Krückau, aus den Zeitungen blickten Tims blaue Augen, Tim lächelte nicht. Überall im Land fragte man sich, wie ein Kind einfach so verschwinden kann.

Man glaubte, jemand habe das Kind aus der Wohnung geraubt, ein Kinderzimmer schien kein sicherer Ort mehr in Deutschland. Die Polizei verschwendete viel Zeit auf die Untersuchung der Haustür, Ermittler prüften mit Feder und Gewicht, ob ein Zweieinhalbjähriger die Haustür alleine hätte öffnen können. Die Wahrheit: dass Monja H. ihren Sohn schon zwei Tage lang nicht gesehen hatte, dass Oliver H. ihr gesagt hatte, er habe das Kind nachts, während sie schlief, nach Hause zurückgebracht, hätte die Ermittler vermutlich schneller auf die Spur des Täters gebracht. Aber als Monja H. bemerkte, dass ihr Junge weg war, da war er schon tot.

Oliver H. hat dem Gericht einen mehrseitigen handschriftlichen Brief geschrieben, der am nächsten Verhandlungstag verlesen werden soll. In diesem Brief erörtert der Angeklagte offensichtlich, dass er sich den Tod des Kindes nicht erklären kann.

In den ersten Vernehmungen allerdings hatte H. zugegeben, verantwortlich für den Tod des Jungen zu sein; dann schilderte er einen angeblichen Unfall: Tim sei in der Dusche gestürzt. Später gab H. auch zu, das Kind geschlagen zu haben. Die Mutter habe ihm „zu viel durchgehen“ lassen. Der Oberstaatsanwalt kündigt an, die Unfallthese werde durch Sachverständigenbeweise widerlegt werden.

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