Welt : Guerilla tut gut

Wenn es Nacht wird, bepflanzen anonyme junge Gärtner Londons Brachen

Sarah Kramer

London - Wenn es dunkel wird in der Stadt, ziehen sie mit Hacke und Spaten und Gießkanne los: Die Gärtnerguerilla von London. So nennt die lokale Presse die Männer und Frauen, die nächtens die Stadt verschönern und triste Brachflächen in bunte, duftende Blumenmeere verwandeln.

Die Idee stammt von Richard Reynolds. Als der 29-jährige Südengländer vor einigen Jahren aus der ländlichen Idylle von Devon nach London zog, bemerkte der Neu-Großstädter schnell, dass ihm zum vollkommenen Glück etwas fehlte: „Ich hatte einen tollen Job und eine bezahlbare Wohnung und war total frustriert“, sagt Reynolds. Ihm fehlte der Garten: Zu Hause in Devon war er in seiner Kindheit von Bäumen und Blumen umgeben – farbenfrohe Pracht, die er in London vermisste. „Eines Tages blickte ich von meinem Apartment auf einen grauen Hinterhof mit einem Beet, das von Abfall übersät war“, erzählt der Brite. „Der Anblick hat mich traurig gemacht. Da habe ich die Sache selbst in die Hand genommen.“

Gesagt, getan. Im Schutz der Dunkelheit rückte der Hobbygärtner mit Hacke und Spaten an. Die Brache bepflanzte er mit leuchtend roten Alpenveilchen. „Ich kann sie förmlich von meinem Fenster aus wachsen sehen“, sagt Reynolds. „Das ist viel schöner, als in einen Park zu gehen.“

Seit jener Herbstnacht im Oktober 2004 ist keine vernachlässigte Grünfläche in London mehr vor dem Hobbygärtner sicher. Reynolds hat Hinterhöfe bepflanzt und Kreisverkehre, die Mittelstreifen von Straßen verschönert und triste Mauern begrünt. Am liebsten mag er Lavendel: „Der riecht gut und trotzt Wind und Wetter.“ Duft und Anblick gefallen offenbar nicht nur Reynolds: Inzwischen haben sich hunderte seiner Guerilla angeschlossen. Kommuniziert wird über das Internet – wer sich an einer Pflanzaktion beteiligen will, wird per E-Mail über Ort und Zeit des Einsatzes informiert. Die Gartenguerilla agiert nur nachts, um ungestört arbeiten zu können. Besucht und beobachtet werden die Pflanzenfreunde trotzdem – von Schaulustigen und der Polizei. „Einmal hätten sie uns fast festgenommen, weil sie uns für Brandstifter hielten“, erzählt Reynolds. Natürlich konnten sie nicht wissen, dass unsere Benzinkanister nur mit Gießwasser gefüllt waren.“ Rechtlich gesehen bewegen sich Reynolds und seine Co-Gärtner in einer Grauzone: Sie könnten wegen Vandalismus an öffentlichem Eigentum zur Rechenschaft gezogen werden. In der Regel lassen die Ordnungshüter die Guerilla aber gewähren. „Sie gucken erstaunt und lassen uns weitermachen“, sagt Reynolds. „Schließlich tun wir etwas Gutes.“

www.guerrillagardening.org

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