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Das Unterhaus in London verbietet die Fuchsjagd – verabschiedet sich England von seiner Tradition?

Marion Löhndorf[London]

Am Montagabend hat das britische Unterhaus mit einer überraschenden Mehrheit von 362 Abgeordneten beschlossen, die Fuchsjagd in England abzuschaffen. Nur 154 Abgeordnete votierten dagegen. Die Überraschung ist insofern perfekt, als die Regierung Blair mit ihrem vorsichtigen Anti-Fuchsjagd-Kurs eine Niederlage hinnehmen musste – ihr Gesetzentwurf war den Abgeordneten zu gemäßigt, weil er Ausnahmen vorsah. Das Gesetzesverfahren ist noch nicht abgeschlossen, aber die Regierung geht davon aus, dass es bereits 2005 keine Fuchsjagd mehr geben wird.

Das Ende der Fuchsjagd ist ein gravierender Bruch einer jahrhundertealten Tradition. Der Kulturkampf, der in den vergangenen Jahren um dieses Thema geführt wurde, macht deutlich, dass England geteilt ist – in Anhänger der Traditionen und einen Teil, der mit den altehrwürdigen Traditionen abschließen will.

Der Tradition geht es an den Kragen, „cool britannia“ setzt seinen Siegeszug fort. „Cool britannia“ – das war nicht nur ein Etikett, mit dem England und vor allem London sich als kreativ, dynamisch, modern und irgendwie anders beschrieben. Es war auch eine Kampagne der Regierung Blair, mit der sie dem Land ein neues Image verpassen wollte. Der Begriff symbolisierte Aufbruch. Britart, Britpop, Britfilm und Britfashion hatten schon zuvor ihren Siegeszug angetreten. Erfolgreiche britische Musiker, Künstler, Autoren, Modeschöpfer und Filmemacher prägen die Szene auch in anderen europäischen Ländern, London hat eine Anziehungskraft wie wohl kaum eine andere Stadt. Alles hier ist schneller, neuer und interessanter als anderswo.

Abschied von der Tradition also. Die Fuchsjagd gilt als anachronistisch, die Öffentlichkeit mag keine Grausamkeit gegen Tiere mehr ertragen. Der moderne Engländer denkt ökologisch, kauft Körperpflegemittel, die ohne Tierversuche auskommen, er kauft sich die neuesten Kleider der vielen Designer, die sich in London tummeln. Er trinkt Espresso, Wein und isst moderne italienische, französische und afrikanische Küche.

Man hörte von der geplanten Abschaffung der roten Doppeldecker-Busse und auch von der Abschaffung der roten Telefonzellen. Die alten Perücken im Gericht sollten abgeschafft werden, ebenso wie die klassische Uniform der Bobbies.

Der Ansehensverlust der Monarchie konnte in den letzten Monaten nur mühsam ausgeglichen werden. Und das nicht durch die alten Mitglieder der Königsfamilie. Es sind die jungen Prinzen William und Harry, die die Herzen der Menschen erobern wie zuvor ihre Mutter Diana.

Die alten Zöpfe, so scheint es, werden Stück für Stück abgeschnitten. Aber sind sie wirklich ab? Es ist ein langer Weg zum neuen England. Traditionen halten sich hartnäckiger, als mancher denkt. Die Doppeldeckerbusse sind weiter im Einsatz – jetzt mit einer nagelneuen Generation von Volvo. Abgeschafft werden sollen nur die ganz alten Roadmaster Modelle, wahre Oldtimer, die oft mitten im Verkehr den Geist aufgeben. Auch rote Telefonzellen stehen noch an jeder Strassenecke – ebenso wie die Bobbies in ihrer klassischen Uniform. Das Verschwinden der Perücken im Gericht ist zwar ständig in der Diskussion, aber bis jetzt werden sie von den Richtrern noch getragen.

Und plötzlich steht auch das Neue in der Kritik, Tony Blairs Stern verblasst. Obwohl die Stimmung und die Wirtschaftslage in England immer noch wesentlich besser sind als auf dem Kontinent, haben sich manche Superlative des Neubeginns relativiert. Nach dem Irak-Krieg ist vom Glanz und den Innovationen der New-Labour-Aufbruchsjahre nicht mehr viel zu spüren. Das Image ist angeschlagen, die Mietpreise im coolen London ersticken die Energie junger Kreativer und machen es schwer haben, hier zu arbeiten.

Die britische Monarchie hat bisher alle Skandale überlebt. Prinz William feierte seinen 21. Geburtstag, und es zeigte sich, dass der künftige König einen Beliebtheitsgrad hat, von dem mancher Popstar träumt.

Die Schlacht ist also noch nicht geschlagen. Traditionen haben auch etwas Liebenswürdiges und das wichtigste ist: London brodelt weiter, die Stadt bleibt in Bewegung.

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