Welt : Handy-Klau: Vom Ohr weg

Sabine Heimgärtner

Kürzlich traf es ausgerechnet den französischen Innenminister Daniel Vaillant. Perplex mußte der Politiker, in einem Café im Pariser Touristenviertel Montmartre ins Gespräch vertieft, zuschauen, wie ihm, vom Kaffeehaustisch weg, sein Handy geklaut wurde. Der Diebstahl passierte schneller als ein Wimpernschlag. Der Täter entkam unerkannt, in Sekundenschnelle. Vorfälle wie dieser ereignen sich in der französischen Hauptstadt hunderte Male am Tag. Monatlich werden in Paris durchschnittlich 2000 Mobiltelefone gestohlen. Beliebtester Tatort: Die offene Straße, am hellichten Tag. Die Täter, meist junge Männer, in Gruppen zu zweit oder zu dritt, klappern auf dem Motorrad die Straßen ab und lauern Passanten auf, die gemütlich im Gehen auf dem Trottoir ein telefonisches Schwätzchen halten.

Im Vorüberfahren passiert es: Dem Spaziergänger wird der Apparat buchstäblich vom Ohr gerissen, nach der ersten Schrecksekunde sind die Übeltäter bereits auf und davon. Die gestohlenen Apparate werden nach den Erfahrungen der Polizei sofort zur Kommunikation genutzt, selbstverständlich auf Kosten der hilflosen Opfer, und finden sich später als preiswerte Angebote auf den Pariser Flohmärkten.

Die brutale Masche Handyklau hat dafür gesorgt, dass Frankreichs Kriminalitätsstatistik im ersten Halbjahr 2001 um fast zehn Prozent gestiegen ist, ein Rekord im Gebiet der Europäischen Union. Die hilflose Polizei spricht nicht nur im Falle der Funktelefon-Diebstähle von einer "neuen Mode". Auch in anderen Bereichen hätten vor allem Kleinkriminelle "neue raffinierte Techniken" entwickelt. Handtaschen-Diebstähle im Kino zum Beispiel, vorzugsweise bei wenig besuchten Nachmittagsvorstellungen: Die Täter, die zwei Stuhlreihen hinter den potentiellen Opfern Platz genommen haben, ziehen auf dem Fußboden abgestellte Taschen mit Drahtangeln in ihre Richtung.

Weil Frankreichs Ruf als Touristenparadies auf dem Spiel steht, bereitet der Polizei die steigende Zahl von Taschendiebstählen noch mehr Kopfzerbrechen. Bevorzugter Tatort ist Paris, die Metro-Linie 1 zwischen dem Louvre und den Champs-Elysees. Schon im vergangenen Jahr waren Touristen, überwiegend Amerikaner und Japaner, 30 000 Mal Opfer der professionell agierenden Pariser Taschendiebe. In den letzten sechs Monaten ist die Zahl der Taschendiebstähle noch einmal um fast 13 Prozent gestiegen. Täter sind mehrköpfige Banden, meist aus Rumänien stammende Sinti- und Romakinder, höchstens 15 Jahre alt.

Ein Teil der Gruppe lenkt die Touristen in den U-Bahnen ab und spielt den ahnungslosen Menschen kleine Kunststücke vor, während die anderen zur Tat schreiten. Die Väter der minderjährigen Diebe erproben sich bei Paris-Besuchern derweil als "Polizisten" in Zivil. Mit gefälschter Polizeimarke geben sie vor, nach Falschgeld zu fahnden und schon ist das Portemonnaie des Opfers verschwunden. "Die tausendundeins Gesichter der neuen Kriminalität", wie kürzlich "Le Figaro" schrieb, bereiten nicht nur der französischen Polizei Kopfzerbrechen. Auch die Botschaften haben alle Hände voll zu tun: Im Sommer müssen tausende provisorischer Pässe für bestohlene Touristen angefertigt werden. Seit Juli 2000 stellte allein das US-Konsulat in Paris amerikanischen Opfern von Diebstählen 2333 neue Papiere aus.

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