Welt : Hauptstadt der Hipster

US-Trendmagazine zeichnen ein positives Berlinbild

Anna Schwan[New York]

Deutschland ist tolerant, interessant, elegant – so lautet der Tenor jüngster Berichte aus den Kultur- und Lifestyleressorts amerikanischer Medien. Trotz Miss-Stimmungen in der Vergangenheit in der Politik zwischen beiden Ländern wird hier ein positives Deutschlandbild gezeichnet.

„Herkunftsstriptease“ ist seit neuestem ein amerikanisches Wort. Amy Larocca führte es ein und machte damit in ihrem Artikel „Berlin Calling" die Vermischung von Historie und Gegenwart deutlich, die angeblich jedem Berliner eigen ist. Das angesehene Glanzblatt „New York Magazine" machte jüngst trotz eisiger politischer Stimmung mit einem großen Reisebericht über Berlin auf. Und beschrieb die Stadt enthusiastisch als Architekturlabor, als Hauptstadt der Kunstwelt und schlichtweg als ideale europäische Stadt, die das Beste aus der westlichen Geschichte aufgreift, um es zu einem gewagten Mix aus existenzialistischem Paris, bohemehaftem Prag und anarchischem New York zu verbinden. „Wer bisher nie nach Deutschland reisen wollte, sollte das jetzt nochmal überdenken, denn hier entsteht eine aufregende Szene mit Berlin als Mittelpunkt".

Was ist passiert? Deutschland ist in den Augen der amerikanischen Medien auf einmal nicht mehr der schwerfällige Autolieferant aus Europa, bewohnt von Teutonen, die im Zweifelsfall politisch immer rechts außen anzusiedeln sind, sondern eine innovative Brutstätte von Kunst, Kultur und Kreativität mit enormem Potenzial. Halb verwundert, halb erfreut wird deshalb in der „New York Times“ enthusiastisch über „Culture made in Germany" berichtet – sowohl über Sasha Walz’ Gastspiel „Körper", das seine Amerikapremiere in der Brooklyn Academy of Music erlebte, als auch über den deutschen Film, dessen jüngste Produktionen mit großem Erfolg im MoMA gezeigt werden. Einerseits resultiert diese Imageänderung aus Berlins gutem Ruf, andererseits an der internationalen Präsenz deutscher Künstler. Nicht nur etablierte Kreative wie Gerhard Richter oder Andreas Gursky, sondern gerade eine mobile Undergroundszene aus Musikern, Designern und Autoren haben dazu beigetragen, das Interesse für Deutschland zu stärken. „Deutschlands Reiz liegt auf der Hand – es ist bodenlos modern, absolut akkurat, ein wenig steif, aber insgesamt völlig auf der Höhe", brachte Tyler Brûlés Designbibel „Wallpaper“ das neue Verständnis der Bundesrepublik auf den Punkt. Bereits im Sommer hatte sie mit einer über hundertseitigen „German Survey" für Aufregung gesorgt. Von Kunst bis Küche und von Autos bis Architektur wurde dabei jedes Thema abgedeckt, das man mit dem modernen Deutschland assoziieren kann. Auch hier wird von einer „Liebe zu den meisten deutschen Dingen" gesprochen, die den meisten Bewohnern des Landes wohl eher neu ist.

„Folge mir und den aufgeschlossenen Deutschen. Berlin ist der Ort, von dem du geträumt hast, die letzte und größte Hoffnung, die es für Hipster gibt." Nichts anderes als ein Liebesbrief an die Hauptstadt eröffnete auch die Titelstory des New Yorker Magazins "Nylon". Das von Helena Christensen gegründete Journal für kaufkräftige Frauen zwischen 21 und 34 Jahren verkündete gleich auf dem Titel: „I love Berlin". Dieser Artikel erschien im Sommer und eröffnete den großen Reigen der Berlin-Berichterstattung in den Medien.

Trotz allem: Von einer grundsätzlichen Änderung des Deutschlandbildes in den USA kann noch nicht die Rede sein. In den Köpfen der meisten Amerikaner zwischen Baltimore und San Francisco bestimmen weiterhin Kukucksuhren und Dirndl das Bild, Bayern scheint sich von den Alpen bis zur Nordsee zu erstrecken und die gesamte Republik eine gigantische Autobahn zu sein auf der sich Mercedes, BMW und Porsches ständige Wettrennen liefern.

Aber die neuen Medienberichte in den Trendmagazinen machen deutlich, dass die Berlinbegeisterung, die in Deutschland bereits wieder abnimmt, nun endgültig die USA erreicht hat und mit dem US-typischen Positivismus gepusht wird. Deshalb gibt es in New York inzwischen „Berlin"-Parties und deshalb zieht es immer mehr amerikanische Künstler an die Spree.

Die Werbewirkung, die von dieser positiven Deutschlandwahrnehmung im Kultur- und Kreativbereich ausgeht, ist enorm. „Ich bin mehr als glücklich über die jüngsten Berichte der Zeitschriften", sagt Günter Koenig, Leiter des German Information Center in New York.

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