Welt : Heide in Sorge um den Ruf

Polizei ermittelt drei Zeugen des Missbrauchs einer 14-Jährigen

Martin Sterr[Heide]

Wenn sich die Menschen in Heide dieser Tage auf der Straße oder beim Bäcker treffen, dann gibt es nach dem üblichen Gruß „Moin", meist nur ein Gesprächsthema: der sexuelle Missbrauch des 14-jährigen Mädchens am Himmelfahrtstag.

Vor allem über die mangelnde Zivilcourage der Tatzeugen können viele Heider nur den Kopf schütteln. Weiteres Kopfzerbrechen bereitet den Bürgern inzwischen das bundesweite Medieninteresse an ihrer Gemeinde. Und im Rathaus machen sich die Verantwortlichen bereits ernsthaft Sorgen um das Image der sonst so beschaulichen Dithmarscher Kreisstadt.

„Das verwerfliche Fehlverhalten Einzelner darf nicht dazu hochstilisiert werden, unsere Einwohner pauschal zu verunglimpfen", sagt der Heider Bürgermeister, Ulf Stecher. Er ist sich sicher, „dass viele der ehrbaren Menschen der Stadt eingegriffen hätten, wenn sie zur rechten Zeit zur Stelle gewesen wären".

Was genau zur Tatzeit vorgefallen ist und was er gesehen hat, das musste gestern am späten Nachmittag der erste Zeuge im Heider Polizeikommissariat aussagen. Er war zusammen mit drei Frauen in der Fußgängerzone unterwegs gewesen und dort von dem Mädchen um Hilfe gebeten worden. Doch nach Aussagen des Opfers sei niemand zu Hilfe gekommen. Erst als sie sich später aus den Armen ihres Peinigers befreite, hatte jemand aus der Gruppe die Polizei angerufen.

„Wir versuchen immer noch die Identität der ersten Passantin zu ermitteln", sagt Karsten Hübner, Leiter der Kriminalpolizei Heide. Polizeibeamte wurden in den vergangenen Tagen immer häufiger von Passanten angesprochen. Die Bürger loben die Beamten für ihre Arbeit. „Wir gehen mit dem Thema bewusst offensiv um", sagt Hübner. Die Aufmerksamkeit in der Bevölkerung will die Polizei jetzt für eine breite Aufklärungskampagne nutzen.

Deshalb wollen die Ordnungshüter am Sonnabend in der Heider Fußgängerzone gemeinsam mit dem Koblenzer Verein „Intiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch" und dem „Weißen Ring" in der Heider Fußgängerzone über „sexuelle Gewalt" und „Zivilcourage" informieren. „Heide ist überall, es steht symbolisch für jeden Ort in Deutschland", sagt der Vorsitzende der Initiative, Johannes Heibel. Das Klima, in dem solche gewaltsamen Übergriffe gegen Wehrlose stattfinden können, müsse geändert werden.

Im konkreten Fall rechnet Hübner mit einer schwierigen Beweisführung. „Es gilt, genau hinzuschauen wer die Vergewaltigung, wie wahrgenommen hat." Der Sprecher der Staatsanwaltschaft Itzehoe, Wolfgang Zepter, sagte, „es war keine Vergewaltigung im volkstümlichen Sinne, wo auf offener Straße ein Geschlechtsverkehr vollzogen wird“. In Heide sei kein Sextäter auf dem Gehweg über sein Opfer hergefallen. Der 19-Jährige habe das Mädchen von hinten umfasst, sie in den Schwitzkasten genommen und dann „irgendwelche Fummeleien“ an ihr vorgenommen. „Schlimm genug, aber für die Passanten war es ein ganz anderes Bild“, sagte Zepter.

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