Welt : Heimat in Asche

Nach dem Ausbruch des Ätna machen die Menschen sich an den Wiederaufbau – viele leben noch in Notzelten

Tanja Buntrock[Santa Venerina]

Giuseppe Grassos Traum ist genau um 11 Uhr 15 zerplatzt. Erst mit einem und dann mit noch einem Knall. Der 69-Jährige weiß das so genau, weil er instinktiv auf die Uhr schaute, als sein eigenhändig gebautes Haus plötzlich wie ein Schiff auf hoher See schwankte.

Das Haus liegt oberhalb eines Hanges in Santa Venerina, eine halbe Autostunde von Catania entfernt. In seinem Garten wachsen Orangen und Zitronen. Auf dem Dach hatte Grasso mit seinem Sohn Salvatore begonnen, eine Mansarde zu bauen. Ein Zeichenstudio wollte er dort für Salvatore einrichten. Überhaupt sollte die achtköpfige Familie durch den Ausbau mehr Platz bekommen. 10 000 Euro Schulden hat er deswegen bei der Bank. Doch nun ist sein kleines, sizilianisches Paradies zerstört. Seit zwei Wochen lebt Grasso mit seinem Sohn in einer provisorisch errichteten Zeltstadt, ein paar Kilometer von seinem Haus entfernt.

Wegen des Ätna. Mit der gigantischen Rauchsäule, die sich noch immer zwischen die friedlichen weißen Schäfchenwolken am sizilianischen Himmel schiebt, zeigt der Vulkan, dass er wieder aktiv ist. Bislang nannten die Sizilianer ihn den „Gutmütigen". Diesmal aber verliefen die Ätna-Eruptionen keineswegs so glimpflich wie in den vergangenen Jahren. Diesmal bebte die Erde so stark, dass über tausend Menschen obdachlos geworden sind.

Zusammen mit seinem Sohn sitzt Grasso auf den mit Wolldecken bezogenen Klappbetten und rührt Zucker in den Plastikbecher mit Espresso. Salvatores Bruder Massimo, dessen Frau, deren beiden Kinder, Salvatores Mutter und Großmutter sind bei Freunden untergekommen. Giuseppe und Salvatore müssen noch ein wenig durchhalten in ihren blauen Zelten. Fünf solcher Notunterkünfte sind nach dem Beben aufgebaut worden. Mit über 300 Menschen leben Giuseppe und Salvatore Grasso nun auf einem dieser Plätze. Dreimal am Tag gibt es im Essenszelt Mahlzeiten umsonst. Alle paar Stunden kommen die Rot-Kreuz-Helfer vorbei und stoßen mit Schaufeln von innen gegen das Zeltdach, damit die zentimeterdicke Vulkanasche abfällt, die wie ein großer Teppich die gesamte Region bedeckt. In ihr Haus wird die Familie so schnell nicht wieder einziehen können. Die Wand zwischen Wohn- und einem Schlafzimmer ist eingebrochen. Überall an der Fassade haben sich Furchen den Weg durch das Gemäuer gebahnt. An manchen Stellen sind die aufgeplatzten Stellen so groß, als wäre dort eine Bombe eingeschlagen. Ihr Heim ist nicht mehr sicher, wie so viele in der Umgebung. „Wir versuchen in den nächsten Tagen erst einmal ein Haus in der Nähe zu mieten", sagt Giuseppe Grasso. Einen Teil der Miete übernehme die Kommune. „In diesem Gebiet rund um den Ätna gibt es keine Versicherung, die solche Schäden abdeckt", erklärt der Sohn. Gelder aus Rom sollen für die Geschädigten fließen. „Das sind vielleicht vierzig Prozent der Kosten, den Rest müssen wir irgendwie selbst beisteuern", sagt Grasso. Glück im Unglück habe er, sagt Grasso und lächelt: Als ehemaliger Handwerker kann er mit seinen Söhnen das meiste selbst bewältigen.

Grasso möchte sein kleines Paradies wieder herrichten. So, wie es war. Aber was, wenn der Ätna in zwei Jahren – wie der Vulkanologe Boris Behncke vermutet – wieder faucht, zittert und sein Magma heftig gegen die Erdkruste drückt? „Ich würde sofort wegziehen, wenn ich könnte", erwidert Salvatore. 37 Jahre ist er alt, verdient sein Einkommen als Maler. Dennoch, er könne nicht einfach so fort. Das Grundstück, wer würde das kaufen wollen? Sein Vater erklärt, dass er es sich nicht leisten kann, irgendwo anders einen Neuanfang zu machen, ein neues Haus zu bauen. Bislang haben ihn die Ätna-Eruptionen kaum gekümmert, weil sie ihn und die Familie nicht gefährdet haben. Auch die vielen Erdbeben, die er schon erlebt hat, waren harmlos, sagt er. Wenn es nachts dumpf summte, weil die Erde bebte, habe er meistens weitergeschlafen. Das hat sich geändert. Vielleicht wird sein Haus beim nächsten Ausbruch dem Erdboden gleichgemacht. „Was nützt es mir, ein paar Kilometer weiter oder gar nach Mittelitalien zu ziehen?" Dort, in San Giuliano di Puglia, bebte nur wenige Tage nach dem Vulkanausbruch die Erde und hinterließ Tod und Zerstörung.

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