Welt : Heißer Stuhl

Wie es ist, sich auf Günther Jauchs Show „Wer wird Millionär?“ vorzubereiten und 125 000 Euro zu gewinnen – ein Erfahrungsbericht

Jan Ludwig
Ganz locker bleiben. Jan Ludwig in der Sendung. Foto: Screenshot
Ganz locker bleiben. Jan Ludwig in der Sendung. Foto: Screenshot

Seit drei Jahren habe ich mich auf diesen Anruf vorbereitet. Nicht jeden Tag, nicht jede Woche. Aber immer dann, wenn mir eine mögliche Frage einfiel, habe ich sie notiert. Drei Jahre lang habe ich ganze Din-A4-Seiten nur mit Themen gesammelt, erst eine, dann zwei, am Ende elf Seiten. Berühmte Linkshänder, Selbstmörder und Verfassungsgerichtspräsidenten. Die langlebigsten, größten, schnellsten Tiere, Bioleks und Stoibers Doktorarbeitsthema, Längenmaße, Edelsteine und Währungsrekorde.

Der Anruf kommt an einem Donnerstag. „Guten Tag, Frau G. hier von ‚Wer wird Millionär?’. Sie haben sich beworben und wurden nun per Zufallsgenerator ausgewählt. Möchten Sie gerne an der Sendung teilnehmen?“

„Ja!“

Kurz sehe ich mich in Fantastillionen baden wie einst Dagobert Duck. Dann kommt die erste Ernüchterung: Ich soll schon jetzt acht Fragen beantworten, ohne vorgegebene Antworten, ohne Hilfsmittel. Verängstigt schaue ich auf die Akkuanzeige meines Handys: Reicht das noch? Die Mitarbeiterin mit der Callcenter-Stimme haucht bereits die Fragen durch die Leitung: Wer schrieb das Buch „In 80 Tagen um die Welt“? Wie heißt die Hauptstadt von Haiti? In welcher Partei ist Angela Merkel? Während ich die Fragen beantworte, Jules Verne, Port-au-Prince, CDU, renne ich in meinem Zimmer hin und her. Der Akku! Er muss, muss, muss. Was weiß denn ich, wo mein Ladegerät ist? „Vielen Dank“, sagt die Stimme am Telefon, „wir melden uns, wenn’s geklappt hat, auf Wiederhören.“

Es folgen lange Tage, in denen ich neue Rekorde darin aufstelle, möglichst schnell zu duschen, um nicht zu lange vom Telefon wegzubleiben. Ich frage mich, was man zuerst machen sollte, wenn man gerade auf der Toilette ist und sich wieder die Frau aus Köln-Hürth meldet. Und dann meldet sie sich. Ich bin nicht auf der Toilette und nicht unter der Dusche. Das Ganze beginnt wieder von vorn: Fragen beantworten, schätzen, schwitzen, „auf Wiederhören“. Mein Handy halte ich von da an dauergeladen.

Dann endlich der Rückruf: Ich bin dabei. Ein kurzes Quieken, ein Sprung in die Luft. Ich lege auf, rufe die an, die davon wissen sollten – und hole eine Posterrolle hinter dem Schrank hervor. Drei Karten hänge ich noch am gleichen Tag in meinem Zimmer auf: Eine Weltkarte mit Nationalfahnen (politisch), eine Deutschlandkarte (physisch) und eine Sternenkarte (astronomisch). Daneben trainiere ich im Internet, wo man „Wer wird Millionär?“ virtuell spielen kann. Nach ein paar Tagen der erste Erfolg der Doppelstrategie: Im Internet fragt das WWM-Quiz, welche Fahne einen roten Kreis auf grünem Grund abbildet. Es ist – Bangladesch. Ich weiß es und balle die Faust: Eine Million Euro gewonnen! Leider nur virtuell. Immerhin weiß ich jetzt auch: Die einzige einfarbige Fahne der Welt hat Libyen, die einzige wimpelförmige Nepal. „Ordnen Sie diese Fahnen nach der Zahl der Farben, die in ihnen vorkommen!" wäre auch eine ausgezeichnete Einstiegsfrage. Vor dem Schlafen zwinge ich mich immer, etwas zu lernen, immer. Weinquiz oder Sternzeichen? Welches chemische Element hat die Abkürzung Sb? Und was ist noch mal die Hauptstadt von Simbabwe?

Weiterlernen. Das WWM-Areal füttern, wie ich es nenne. Südgeorgien liegt im Atlantik. Geruch wird in der Einheit „Olf“ gemessen. Ich lerne Birnensorten und Phobien, Nato-Generalsekretäre und Tierkindernamen, Friesische Inseln und Opern. Ich lerne, wofür der Ziliarmuskel zuständig ist, ich kann sagen, wo es das Schottengymnasium gibt, und dass die Schleiereule nicht nur ein Vogel, sondern auch ein Pilz ist. Ich weiß, dass der Dirigent Daniel Barenboim vier Staatsbürgerschaften hat und Liza Minelli der einzige Mensch ist, dessen Eltern beide einen Oscar gewannen. Einödsbach in Bayern ist der südlichste Punkt Deutschlands. Robert Kalina ist der Mann, der die Euro-Banknoten entworfen hat. Den Deko-Stopp gibt’s nicht bei C&A, sondern beim Tauchen.

Wer braucht diesen Kram eigentlich? Und wie viel, frage ich mich, kann ein Mensch eigentlich wissen? Etwa 200 Megabyte an Informationen, sagen Experten. Klingt doch wenig, wird der eine oder andere denken – drei bis vier Menschenwissen passen dann auf eine CD. Wie dem auch sei: Meins passt bisher noch ganz gut in einen Ordner. Dort sammle ich meine Inselbewohner („Madegassen“), Autos aus den 50ern („Goggomobil“) und Körperteile („Maxilla und Mandibula“ werden nicht etwa von Obelix vermöbelt, sondern sind Ober- und Unterkiefer). Walter Scheel war übrigens neun Tage lang Bundeskanzler, und „Asien“ heißt übersetzt Sonnenaufgang. Viel werde ich davon wohl nicht behalten.

Die Runde der letzten Zehn ist das eigentliche Nadelöhr. Hier durchzukommen fordert vor allem die Auffassungsgabe, weniger das Allgemeinwissen. Die Hellsten sind nicht zwangsläufig die Schnellsten. Ich habe mich auf einschlägige Mini-Spielkonsolen eines bekannten japanischen Herstellers verlegt. Dessen Name heißt übersetzt „Lege das Glück in die Hände des Himmels!“ Doch verlassen will ich mich darauf nicht, denke sogar daran, die Wohnorte der Fragenschreiber herauszufinden – die Firma heißt Mind The Company –, um dann die Regionalzeitungen zu studieren, die die Redakteure vielleicht lesen. Das klingt ein bisschen durchgeknallt, das ist es auch. Aber die Chance auf die Fantastillionen ist einfach zu verlockend, als dass klassische Kategorien von Vernunft und Wahnsinn hier noch gelten würden!

Der Tag rückt näher, Tag der Aufnahme. Bücher werden gewälzt, Telefonjoker gecastet, die müssen einen Fragebogen mit 37 Testfragen ausfüllen, nach Themen geordnet: Womit befasst sich ein Phlebologe? (Mit Venen.) Wie nennt man die Rückseite von Münzen? (Revers.) Wer entwarf den Kanzlerbungalow in Bonn? (Sep Ruf.) Auch das, ja, zeugt von beinahe krankhaftem Ehrgeiz. Oder war es preußische Disziplin?

Als der Tag gekommen ist, bin ich freilich nicht zum ersten Mal dabei. Schon zuvor hatte ich es auch in die Runde der letzten Zehn geschafft, den Parcours in Köln absolviert. In der Sendung habe ich mich dann vertippt, musste neu eingeben – und verlor. Das, was jetzt kommt, absolviere ich deshalb nicht mit Routine, aber doch mit mehr Gelassenheit: Rechtsbelehrung, Spiel erklären, Pudern, Garderobe – kein Karo! Keine Streifen! Nichts Rotes! Im November hat die Visagistin noch gesagt, ich würde ja nicht viel Puder brauchen. Jetzt spachtelt sie Grundierung auf mein Gesicht. Dann stehen wir Spalier zur Aufnahme, ein letzter prüfender Blick der Garderobenfrau – und los geht’s. Es gibt etwa 220 Plätze für das Publikum, es gibt ein paar Dutzend Mitarbeiter zwischen und hinter den Kulissen, es gibt Günther Jauch und den Kandidaten. Ein Tusch, und Jauch stakst durch die Manege, schüttelt jedem Kandidaten die Hand. Dann kommt die Vorstellung, die Sendung beginnt. Jauch sagt meinen Namen, ich bekomme gerade ein Lächeln hin, mehr wollte ich eh nicht. Kein Winken, kein Schumi-Daumen.

Diesmal bin ich schlecht drauf, die Proberunde war miserabel, 7 Sekunden nochwas. In Gedanken rechne ich schon aus, wann ich mich wieder bewerben darf. Jauch ordnet seine Karten, schaut auf die Frage und sagt: „Das ist mal ein bisschen was zum Knobeln.“ Ich denke mir: Wenn eine Frage schwer ist, schafft sie keiner in 3 Sekunden. Also: Ruhe bewahren! Erst denken, dann tippen.

Ich schaffe es.

Die Frage, die mir am häufigsten gestellt wird. „Wie war Jauch eigentlich hinter den Kulissen?“ Er war vor allem eines: professionell. Er hält Distanz. Ein Plausch mit Günther Jauch? Auch das nicht. Es ist ein klassischer Denkfehler: Man glaubt, dass Prominente einen kennen, weil man sie selbst so gut kennt. Es wird auch nicht Brüderschaft getrunken, wenn die roten Lämpchen ausgehen. Warum auch?

Dann geht es in die Mitte.

Man hätte mich nach der Sendung fragen können, ich hätte die ersten fünf Fragen nicht mehr gewusst. Ich bin auch nicht wirklich gut: Für ein Lied von Ke$ha brauche ich das Publikum, beim Ngorongoro-Krater, 16 000 Euro, verbrate ich den 50-50-Joker. Habe ich das schon mal gehört oder nicht? Egal, Joker her – hier geht’s um richtig viel Geld. Dann noch eine Frage zum Neuen Museum (Architekt: Chipperfield), und Schluss. Vorerst. 32 000 Euro, die erste Sendung ist zu Ende.

Schluss, das heißt: Pinkelpause, umziehen, nachschminken. Vor einer Stunde war Montag, jetzt ist Freitag: RTL macht’s möglich, „Wer wird Millionär?“ ist ja nicht live. Während ich mich wieder abpudern lasse, defilieren ein paar Kandidaten an der Maske vorbei und wünschen mir viel Erfolg. Was aber soll ich sagen? „Danke, äh, tut mir leid“? „War wirklich schade, dass ich schneller war als du?“

Ich fange an, lockerer zu werden. Später werden mir Freunde sagen, ich hätte in der zweiten Sendung eher so gewirkt, wie sie mich kennen. 16 000 sind sicher, weil ich die klassische Variante gewählt habe. Ich arbeite mich ohne Joker hoch, zwei Fragen bis 125 000, es läuft besser als bei den niedrigeren Beträgen. Die 500 000-Euro-Frage.

Was kommt in Gang, wenn in der heimischen Tierwelt die Paarungszeit beginnt? A Biberschaukel, B Hasenrutsche, C Igelkarussell, D Eichhörnchenwippe. „Als Sie die Frage vorgelesen haben, kam mir die Biberschaukel gleich bekannt vor“, überlege ich laut – und ahne nicht, dass ich mich gleich mächtig verrennen werde. Jauch leiert mir jetzt den letzten Joker aus dem Köcher, aber auch der weiß die Antwort nicht. Biberschaukel? Müsste das nicht richtig sein? Wenn ich falsch liege, verliere ich 109 000 Euro. Tippe ich richtig, gewinne ich 375 000. Ich hadere und zaudere und übe mich in schlüpfrigen Witzen über schaukelnde Biber und wippende Eichhörnchen. Am Ende werden die meisten Witze rausgeschnitten. Zu Recht.

Machen wir es kurz: Im Ganzen habe ich bei WWM 43 Fragen beantwortet, Vorbereitungs-, Auswahl- und Spielfragen. Mit und ohne Antworten, zum Schätzen und zum Wissen. Bei der 44. streike ich. Am Ende, bei der 500 000-Euro-Frage, gucke ich eine Weile auf die Zahl, die da auf meiner Seite steht: 125 000. Ich bekomme das Gefühl, die Zahl flöge auf mich zu. „Sollen wir den Exorzisten holen?“, fragt mich Jauch mit gespielter Besorgnis. Vor meinem inneren Auge verwandeln sich die Ziffern wieder in die Fantastillionen: Da steht also der Gegenwert eines Fertigteilhauses, und ich überlege immer noch, ob ich eine weitere Antwort riskieren soll. Es fühlt sich an wie ein innerer Louis-de-Funès-Film: Ich nehm’s! Nein. Doch! Ohh! Ja. Oder doch? Oder nicht? Aber die Million! Nein. Nein! (Jaa!) Danke, Herr Jauch. Schluss.

Nach meiner Kapitulation kommt natürlich erst Werbung, klar. „Das war knapp!“, sagt Jauch noch in der Pause, die bei der Aufnahme meist nicht länger als ein paar Sekunden dauert. Düdelüüüü. „Eichhörnchenwippe … ist Unsinn“, holt mich Jauch aus der Pause zurück und schaltet in den Cliffhanger-Modus. „Hasenrutsche – ist auch falsch.“ Ist es etwa doch die …? Och nee. „Soll ich Ihnen die Antwort verraten?“, unterbricht Jauch meinen Gedanken. „Die richtige Antwort ist: Igelkarussell. Und um ein Haar, um ein Haar hätten Sie die Biberschaukel genommen“, gibt sich Jauch als besorgter Moderator. „Das war knapp!“.

Aus, vorbei. Ein letztes Lächeln in die Kamera, Handschütteln mit Günther Jauch und tschüss. Und jetzt? Ich werde hinter die Bühne geführt, in schummriges Licht, schließlich geht die Aufzeichnung ja weiter. Auf einem schwarzen Ledersofa soll ich Platz nehmen und dort warten. Ein paar Minuten später schleicht eine Frau mit Clipboard auf mich zu. Wichtige Menschen beim Fernsehen erkennt man grundsätzlich daran, dass sie ein Clipboard haben. Es sind die Insignien der Macht hinter den Kameras. Und liest nicht auch Merkel ihren Amtseid vom Clipboard ab? Wie auch immer: Auf diesem Clipboard pappt ein einzelner Zettel, wo ich ein paar Zahlen erkenne (mein Gewinn), ein paar Zahlen hinzufüge (meine Bankdaten) und unterschreibe. Fertig. Keine Kopie, nirgends.

Nun sitze ich da hinter den Zuschauern, höre dumpf den WWM-Jingle, das Klatschen, die fallenden Groschen. Die Show muss weitergehen. Schließlich verzweifelt meine Nachfolgerin an einer Frage zu Nicolas Sarkozy, es war irgendwas mit Ungarn. Aber für all das habe ich jetzt nur ein halbes Ohr und ein halbes Auge. Der Rest des Kopfes denkt: Ist das jetzt geträumt oder wahr? RTL erlaubt gnädigerweise, seine eigene Frageleiter im Internet nachzuspielen. Bis zum bitteren oder süßen Ende. Noch am Abend der Ausstrahlung jage ich durch die Fragen, mit der Hand am „Screenshot“Knopf auf der Tastatur. Ich will nur eines wissen: Was war die Millionenfrage? Was wäre der Schlüssel zu den Fantastillionen gewesen, den prasselnden Dukaten auf meinem Haupt? Das Fragefeld öffnet sich: „Wobei handelt es sich um eine besondere Darstellungsform im Theater, auch ‚Mauerschau’ oder ‚Botenbericht’ genannt?“ Ja, tatsächlich, das passt alles ins Fragefeld, ganz ohne stecknadelkopfgroße Buchstaben. Und ja, tatsächlich, ich weiß – meinem Altsprachenfimmel sei Dank – die Antwort: B Teichoskopie. Hätte, hätte, Fahrradkette.

Mein Einsatz: 40 Euro für Bewerbungen, 300 Euro für Bücher und jede Menge Nerven. Mein Ertrag: 125 000 Euro – steuerfrei.

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