Helios-Absturz : Maschine hatte schon früher Problem

Bei der zyprischen Unglücksmaschine gab es nach Angaben eines ehemaligen Chefingenieurs bereits am 18. Dezember 2004 ein massives Problem mit dem Luftdruck-Ausgleichsystem.

Nikosia/Athen (16.08.2005, 11:16 Uhr) - Das sagte der ehemalige Chefingenieur der zyprischen Fluggesellschaft Helios Airways, Kyriákos Pilavákis, am Dienstag im staatlichen zyprischen Fernsehen RIK. «Die Maschine hatte damals ein erhebliches Problem mit dem Luftdruck-Ausgleichsystem. Der Pilot musste von 30.000 auf 10.000 Fuß (von 12.000 auf 3.000 Meter) runtergehen», sagte er.

Die Maschine habe anschließend auf Zypern notlanden müssen. Danach blieb sie fünf Tage lang auf dem Boden, um überprüft zu werden. «Anschließend schickten wir sie nach Großbritannien, wo sie erneut vier Tage lang kontrolliert wurde», sagte der Ex-Chefingenieur. Pilavákis hat am 1. April dieses Jahres gekündigt.

Nach dem Flugzeugabsturz hatte die zyprische Justiz umfangreiche Untersuchungen aufgenommen. Mitarbeiter und ehemalige Helios- Passagiere werden über ihre Erfahrungen und Erkenntnisse befragt. In der Nacht zum Dienstag hatte die Polizei bei einer Razzia in den Büros der Fluggesellschaft Beweismaterial über den Zustand der Maschinen sichergestellt.

Viele Fragen offen

Viele Fragen blieben auch am Dienstag noch offen. Unklar ist beispielsweise, warum Piloten und Passagiere auf dem Flug von Larnaka nach Athen das Bewusstsein verloren. Die Behörden vermuten einen Defekt der Klimaanlage. Einen Anschlag schloss die griechische Regierung aus. Auf Zypern herrschte Trauer und Entsetzen. Die Regierung ordnete eine dreitägige Staatstrauer an.

Nach einer ersten gerichtsmedizinischen Untersuchung stellten Ärzte in Athen fest, dass viele Menschen in der Unglücksmaschine von Athen noch bis zuletzt am Leben waren. «Die heute untersuchten sechs Leichen zeigen, dass diese Menschen zum Zeitpunkt des Aufpralls des Flugzeugs noch lebten. Sie atmeten und ihr Herz schlug», sagte der Chef der Gerichtsmedizin, Filippos Koutsaftis, am Montagabend.

Die Maschine war mit Autopilot so lange im Kreis über Athen geflogen, bis der Treibstoff ausging. Dann war sie nahe einem Dorf zehn Kilometer vom Flughafen entfernt zerschellt.

Der Präsident von Helios Airways, Antónis Drákos, sagte am Montag: «Der gestrige Tag war ein tragischer Tag für uns.» Über den Zustand der Unglücksmaschine und zu Vorwürfen von zyprischen Medien, sie sei nicht gut gewartet worden, wollte er sich nicht direkt äußern: «Alles ist eingetragen im Wartungsheft», sagte er. Die abgestürzte Maschine sei 1998 gebaut und im April 2004 gekauft worden. Er selbst sei mehrmals mit seinen Kindern an Bord der Maschine gereist. Den Angehörigen der Opfer werde seine Gesellschaft jeweils 20.000 Euro Soforthilfe zahlen, versprach Drákos.

Er bestätigte, dass die Maschinen seiner Gesellschaft am Montag nicht geflogen sind. «Die Crews wollten aus psychologischen Gründen nicht fliegen. Wir wollten sie nicht unter Druck setzen.»

Stimmenrekorder nicht gefunden

Der Stimmenrekorder sei immer noch nicht gefunden worden ist, sagte der Vorsitzende der griechischen Zivilluftfahrt-Kontrollbehörde, Akrivos Tsolakis, am Dienstagmorgen im staatlichen griechischen Fernsehen (NET). «Das, was die Rettungskräfte am Montag fanden, war leider nur der Behälter des Stimmenrekorders. Ich bin pessimistisch, dass wir das Gerät noch entdecken.»

Der Recorder würde Aufschluss über den Wortwechsel der Piloten mit der Flugsicherung geben. Vor allem könnte mit Hilfe der Aufzeichnungen wahrscheinlich geklärt werden, was im Cockpit genau geschehen ist, nachdem der Funkkontakt mit der Außenwelt abbrach. Die Mitschnitte geben in der Regel neben den Gesprächen auch alle anderen Geräusche in der Kabine wieder. Der Flugschreiber mit den Daten der Geräte der Maschine dagegen ist nach Worten Akrivos Tsolakis intakt. Er soll in den kommenden Tagen nach Paris zur Auswertung geschickt werden.

Die zyprische Regierung hat am Montag die Namensliste der Opfer veröffentlicht. Demnach sind nach Angaben des zyprischen Verkehrsministers alle Opfer griechische Zyprer oder Griechen. «Nur der Pilot stammte aus Deutschland», bestätigte der Minister im Fernsehen. Nach Angaben des Auswärtigen Amtes in Berlin handelte es sich um einen 58-Jährigen aus Berlin. Seine Leiche und zwei andere wurden noch nicht gefunden. Unter den Opfern sind auch 21 Kinder im Alter zwischen 4 und 17 Jahren. Die Leichen werden in einer Halle in Athen aufgebahrt. Gerichtsmediziner und Familienangehörige sollen helfen, die Toten auch mittels DNA-Analysen zu identifizieren.

Wenige Stunden nach dem Absturz war es auf dem Flughafen von Larnaka zu Tumulten gekommen. Aufgebrachte Angehörige versuchten, die Landebahn zu stürmen, um weitere Abflüge von Maschinen der Gesellschaft zu verhindern.

Informationen, wonach Passagiere aus dem Unglücksflieger von Athen noch kurz vor dem Absturz per Handy Kontakt mit Verwandten aufgenommen hätten, erwiesen sich unterdessen als falsch. Wie die griechische Polizei am Montagabend mitteilte, nahmen Beamte in der nordgriechischen Hafenstadt Thessaloniki einen 32-jährigen Mann fest. Dieser hatte nach dem Unglück am Sonntagabend griechische Radiosender angerufen und behauptet, sein Vetter hätte ihm mit einer SMS mitgeteilt, er erfriere. Dabei handelte es sich laut Polizei um eine Falschaussage. Der Festgenommene sagte den Beamten, er «wollte einmal ins Fernsehen kommen». (tso)

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