Welt : Heuschnupfen: Schniefend das Frühjahr begrüßen

Abflugbereit sind sie längst, nur das Wetter blockiert sie bisweilen noch: die Birkenpollen. Keine kühlen Schauer wollen sie, sondern eine leichte, warme Brise wie in den vergangenen Tagen. Dann schwärmen sie aus und bringen tausende Deutsche zum Weinen. Die läuten dann mit geschwollenen Augen, Niesattacken und triefenden Nasen den Frühling ein - rund zwölf Millionen haben nach Angaben des Deutschen Allergie- und Asthmabundes (DAAB) Heuschnupfen. Er ist so die mit Abstand häufigste Allergieform, Tendenz steigend.

Haselnuss ab Februar, Beifußstaub bis in den August - Allergiker brauchen Info-Dienste, wann welcher Blütenpollen durch die Luft schwirrt. "Bundesweite Pollenkalender machen wenig Sinn", sagt Petra Grasse vom Meteorologischen Institut der Freien Universität Berlin. Mit zwei so genannten Pollenfallen in Berlin, die die Pollenmenge pro Luftliter messen, bemüht sich das Institut um möglichst genaue lokale Vorhersagen. "Die Birkenpollen zum Beispiel sind jetzt bereit zu fliegen, aber sie tun es nur zögerlich", sagt Grasse zum Hauptstadtwetter.

Große Hoffnungen setzen Mediziner und Schniefnasen nun auf eine "Allergie-Spritze", die im Herbst auf den Markt kommen soll. Normalerweise bildet der Allergiker gegen den "feindlichen" Blütenstaub in Augen und Nase Antikörper aus, etwa den Botenstoff Histamin. Die Folgen sind juckende Augen, Fließschnupfen und Atemnot. Auch Magen-Darm-Störungen, Müdigkeit oder gar ein Herz- und Kreislauf-Zusammenbruch sind möglich. Findet ein "Etagenwechsel" vom Nasen-Rachenraum zu den Bronchien statt, kann Astma entstehen. Die neue "Allergie-Spritze" soll nun die allergische Sofortreaktion unterbrechen. "Mit dem so genannten Anti-IgE-Antikörper wird das Immunglobulin E, das zur Ausschüttung der Entzündungsbotenstoffe wie Histamin führt und damit die allergischen Symptome verursacht, aus dem Verkehr gezogen", sagt Ingrid Voigtmann vom DAAB. Das Mittel muss zur Pollenflugzeit regelmäßig gespritzt werden. Studien zu Heuschnupfen und allergischem Asthma waren bereits erfolgreich. Großer Vorteil des Antikörpers ist laut Voigtmann, dass er auch für Multiallergien einsetzbar ist.

Bis die Spritze für Pollenopfer kommt, helfen aber nur unbequeme Schutzmaßnahmen. Der DAAB rät Allergikern zum täglichen Staubsaugen, um Pollen auf Teppichen und Möbeln zu entfernen. Außerdem helfe, sich vor dem Zubettgehen die Haare zu waschen und Straßenkleidung nicht im Schlafzimmer ab zu legen, um keine Pollen einzuschleppen. Beim Autofahren sollten die Lüftung aus und Fenster geschlossen bleiben; ein Pollenfilter kann hilfreich sein.

Schlechte Frühlingsaussichten: Sport im Freien ist ebenso ungünstig wie gründliches Lüften der Wohnung. Spaziergänge sind am besten im Laubwald zu erledigen, da der Blütenstaub dort abgefiltert wird. Allergiker sollten besser nicht rauchen, um den Allergenen den Angriff auf die gereizten Schleimhäute nicht noch zu erleichtern.

Leicht zu entkommen ist ihnen auch so nicht: Birkenpollen fliegen bis zu einem halben Kilometer weit. Eine einzige Roggenpflanze produziert bis zu 21 Millionen Pollen - 50 Pollen pro Kubikmeter Luft reichen bereits aus, um allergische Beschwerden auszulösen. Auf dem Lande ist der Pollenflug in den frühen Morgenstunden am stärksten. In der Stadt erreicht er zunehmend höhere Werte in den Vormittagsstunden, in Großstädten wird das Maximum erst abends erreicht und kann dann zu zunehmenden Beschwerden führen. Experten empfehlen daher, das Schlafzimmer nachts zu lüften und die Fenster am frühen Morgen zu schließen und auch tagsüber geschlossen zu halten.

Bei ihrer Urlaubsplanung sollten sich Allergiker am Pollenkalender orientieren. Eine Ferienreise ist dann am günstigsten, wenn zu Hause der jeweils allergieauslösende Pollen "Hochsaison" hat. Vor allem in pollenarmer Luft von Hochgebirgen, Inseln und am Meer können Verschnupfte durchatmen. Der Ärzteverband Deutscher Allergologen beklagt eine "gravierende diagnostische und therapeutische Unterversorgung". So würden in Deutschland für die Allergiediagnostik rund 50 Mark pro Patient ausgegeben; in der Schweiz und den Niederlanden seien es doppelt so viel. Auch die Allergiker selbst nehmen ihre Krankheit oft nicht ernst, nur jeder zweite Heuschnupfen-Fall werde von einem Arzt behandelt. Dabei könne daraus ein Dauerschnupfen und schließlich lebensbedrohliches Asthma werden.

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