Welt : Humboldt-Biografie: Verheißungen an allen Ecken

Wolf Jobst Siedler

Wann immer man dem Berlin um 1800 begegnet, kommt einen Sehnsucht an nach dieser Welt, die ein Ende war und ein Anfang. Vorher war Friedrich gewesen, große Geschichte zwar, das friderizianische Berlin aber nimmt einen wirklich für sich ein. Hinterher aber, im biedermeierlichen Berlin, war alles prosaisch geworden, Berlin sank in den Alltag ab, mit mancherlei Bedrückungen. Aber an der Jahrhundertwende, unter dem frommen und liederlichen König Friedrich Wilhelm II., war alles verheißungsvoll und neu, in jedem Betracht.

Junker, Töchter und Salons

In der Bildhauerei kamen erst Schadow mit seiner "Prinzessinnen"-Gruppe und der Quadriga auf dem Brandenburger Tor, dann Christian Daniel Rauch mit seinen Standbildern an den "Linden" vor der Neuen Wache, und natürlich dem Sarkophag für Königin Luise im Mausoleum. Vorher war, auch er ein Preuße, Immanuel Kant gewesen, nun kam Fichte aus der Lausitz, schließlich Hegel aus Tübingen, von den Salons auf den märkischen Schlössern ganz zu schweigen, wo die Männer das Urbild preußischer Junker waren und die Frauen oft jüdische Bankierstöchter. Von diesen wenigen Jahrzehnten zwischen 1790 und 1820 gäbe es fast mehr zu erzählen als von den Jahrzehnten vorher und nachher. Der einzige, der das könnte, ist Günter de Bruyn, den man schon lange drängt, sich als Alterswerk daran zu wagen.

Von diesem Berlin hat sich ein Brüderpaar, Wilhelm der ältere und Alexander der jüngere, in die Geschichte des preußischen Humanismus eingeschrieben. Den alten Familiensitz in Tegel ließ Wilhelm im Alter durch seinen Freund Schinkel in der Manier des gerade revolutionär neuen Klassizismus umbauen. Schadow und Rauch waren bei ihm oft zu Gast, und Rauch entwarf die Grabstelle für Karoline Humboldt, die Thorwaldsen mit seiner Replik der "Hoffnung" zu einem Inbegriff des Klassizismus formte.

Was für eine Welt war das, ein ungelenk-gutwilliger König, der gelegentlich zum Tee aus Potsdam oder Berlin nach Tegel herüberkam. Der Monarch blieb Humboldt dankbar, dass der die Interessen des gedemütigten Preußen auf dem Wiener Kongress so nachhaltig vertreten hatte. Ohne von Humboldt gäbe es übrigens die von Napoleon nach Paris entführte Quadriga von Schadow nicht mehr in Berlin. Die drei verbündeten Monarchen hatten 1814 nach dem ersten Sieg über den Korsen eingewilligt, die geraubten Kunstschätze Napoleons als Beute in Paris zu lassen - Beutekunst, wenn man den Begriff auch damals nicht kannte.

Merkwürdigerweise leben beide, Wilhelm wie Alexander, heute nur noch in Geschichtswerken weiter. Man weiß wohl, dass sie in ihrem Vierteljahrhundert eine wichtige Rolle gespielt haben. Von Alexander erinnert man, dass er als alter Herr bei den Teegesellschaften Friedrich Wilhelms IV. in Sanssouci oft einschlief, der Piz-Humboldt in Südamerika wird hin und wieder erwähnt. Auch dass Alexander von Humboldt einer der großen Entdeckungsreisenden seiner Epoche war, ist bekannt. Die von Wilhelm von Humboldt 1809 gegründete Berliner Universität trägt zu Recht seinen Namen, denn der König hatte wenig genug mit ihr zu schaffen, weshalb ihr ursprünglicher Name Friedrich-Wilhelms-Universität ein Euphemismus war. Aber sonst?

Hat man in Erinnerung, dass Wilhelm von Humboldt ein "Liberaler" war, um im späteren Wortgebrauch zu sprechen? Er kam immer wieder in Konflikt mit dem Fürstkanzler von Hardenberg, der schließlich weitgehend auf die Linie von Metternich und Gentz der Karlsbader Beschlüsse eingeschwenkt war. Endlich musste Wilhelm von Humboldt der Kamarilla das Feld räumen, denn in der Restaurationsepoche schloss sich Berlin immer mehr der Linie Russlands und Österreichs an. In der Mitte des Jahrhunderts spielten die beiden alten Herren jedenfalls keine grosse Rolle mehr, wenn sie natürlich auch vielfach geehrt wurden.

Aber die Entfernung aus dem Machtzentrum wird Wilhelm gar nicht so unlieb gewesen sein, denn er konnte von seiner Liebe zu Italien und Rom nicht lassen, trotz seiner Zuneigung zum glanzvollen Paris und der imperialen "Nebelwelt" Londons. In einem Brief an Goethe, mit dem er Zeit seines Lebens vertraut blieb, schreibt von Humboldt denn auch von seiner Liebe zu Rom: "Ein Deutscher im Süden ist immer ein Geschöpf, das sich wohlbefindet." Immer wieder zieht es Wilhelm und Karoline nach Rom, und er beschwört seinen engen Freund Schiller, die wundersame Kraft dieser Stadt zu erproben:

"Lieber Schiller, warum sind Sie jetzt nicht hier... Ich kann Ihnen nicht sagen, wie mir dieser Aufenthalt wohltut. Ich fand mich in keiner wünschenswürdigen Stimmung in Berlin; selbst in Paris fühlte ich mich gewissermaßen abgestumpft. Hier ist alles, was mich umgibt, belebend und erweckend; ich bin fruchtbar an Ideen, und selbst die Wehmut, selbst der bitterste Schmerz lässt noch die Klarheit, eine Heiterkeit und Genuss bestehen..."

Schiller seinerseits fühlt sich Humboldt ebenso verbunden: "Bleiben Sie mir, mein Lieber, Guter, was Sie mir sind, und glauben Sie gewiss, dass, welche Entfernung uns auch immer trennen mag, mein Interesse Ihnen ewig gleich nah ist, und dass das Kleinste in Ihrer Beschäftigung mehr Wichtigkeit für mich hat als alles, was ich unternehmen könnte. Denn Sie sind der glücklichste Mensch. Sie haben das Höchste ergriffen und besitzen Kraft, es festzuhalten."

Es ist ja wahr, dass die Humboldts, Wilhelm vor allem, aber auch Alexander, kein einzelnes großes Werk hinterlassen haben, das sie in den Olymp der Epoche einreihte. Aber erstens wusste Wilhelm von Humboldt selbst von seinem sprachlichen Ungenügen, und zweitens dementiert sein Briefwechsel mit seinem Bruder, mit Schiller, Hardenberg und Stein, dass es mit seinen Grenzen im sprachlichen Selbstausdruck so weit nicht her war. Zudem ist schwierig zu sagen, ob die herausragenden literarischen Köpfe wirklich ihre Epoche prägen. Die Humboldts haben wahrscheinlich für das geistige Berlin mehr ausgemacht als die vielen grossen und kleinen Dichter, die an der Tête des Tages ritten.

Souveräne Zurückhaltung

Auf diesen Gedanken bringt einen jedenfalls eine schmale Biografie über Wilhelm von Humboldt, die Heinz Steinberg, lange Jahrzehnte Direktor der Berliner Zentralbibliothek und Senatsrat, nun in seinem 88. Lebensjahr vorgelegt hat. Es kannte Heinz Steinberg natürlich, wer mit dem Berlin der letzten Jahrzehnte umging. Aber dass er ein so souveräner Kopf war, so des sprachlichen Ausdrucks fähig und so selbstständig in der Akzentsetzung, das wird einem eigentlich erst bei der Lektüre seines Buches deutlich. Eher leise, wie es Steinbergs Wesen entspricht, erscheint der Band auf dem Buchmarkt. Vielleicht kann die Fülle von klug ausgewählten Gemälden, Gravüren und Zeichnungen dem Band zu jener Resonanz bei der Leserschicht verhelfen, die man früher das "gebildete Bürgertum" nannte, und die jetzt vor lauter Event-Ereignissen untergegangen zu sein scheint.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben