Welt : ICE 884 entgleiste fünf Kilometer vor Eschede

JÖRN HASSELMANN

Die Spekulationen über die Ursachen der Katastrophe wucherten gestern ins Uferlose - keiner der Experten ist sich jedoch sicher.Schließlich hat es bislang nie auch nur annähernd eine derartige Katastrophe gegeben.Am Nachmittag verdichtete sich diese Einschätzung: Nach Erkenntnissen des Eisenbahnbundesamtes entgleiste eine Achse oder ein Drehgestell schon etwa fünf Kilometer vor dem Unfallort.Dort hätten Sachverständige des Eisenbahnbundesamtes Zugteile und eine beschädigte Betonschwelle entdeckt.Ob die Trümmerstücke vom ICE 884 stammen, war gestern abend noch unklar.Dieser irgendwie entgleiste oder beschädigte Waggon muß dann mitgeschleppt worden sein - bis zu einer Weiche kurz vor der Brücke.Hier verhakte sich das entgleiste Drehgestell, die Kupplung zum vorderen Zugteil riß, der Waggon schleuderte - immer noch mit Tempo 200 - gegen die Brückenpfeiler.Der unbeschädigte Triebkopf fuhr dann zunächst unbehindert weiter, bis er nach zwei Kilometer per Zwangsbremsung stehenblieb.Überlebende hatten schon am Unglückstag berichtet, etwa zwei Minuten vor der Katastrophe ein rumpelndes Geräusch gehört zu haben.Daß Schienen und Schwellen dieses fünf Kilometer langen Abschnittes weiter nicht beschädigt sind, kann es keine normale Entgleisung gewesen sein.

Diese Einschätzung deckt sich weitgehend mit der des Berliner Bahn-Experten Jürgen Siegmann.In einem Gespräch mit dem Tagesspiegel sagte der TU-Professor, daß es eine Verkettung von Fehlern gewesen sein müsse.Wenn lediglich eine Achse entgleist wäre, hätte der extrem kräftige ICE diesen ohne weiteres mitgeschleppt.Das hätte nicht zu dieser Katastrophe geführt, das hätte nur gerumpelt." Es habe in der Vergangenheit mehrere Fälle gegeben, wo Drehgestelle entgleist seien, der Zug jedoch dann bremsen konnte.Diese Wagen habe man per Kran wieder aufgleisen können, ohne daß es größere Schäden gegeben habe.

Zudem - und das ist wesentlich - hätte der entgleiste Wagen sich nicht soweit aus dem Lichtraumprofil bewegen können, wenn er noch im Zugverband gewesen wäre.Beim ICE 884 müsse dann jedoch die Kupplung gebrochen sein, worauf sich der entgleiste Waggon auf dem Bahndamm querstellte, gegen die Brückenpfeiler prallte, worauf diese einstürzte.

Der Professor für Schienenfahrwege und Bahnbetrieb an der TU hält Aussagen anderer Fachleute, daß ein ICE mit "Jacob"-Drehgestellen glimpflicher aus der Katastrophe gekommen wäre, für verkehrt.Bei diesem Prinzip sitzt ein gemeinsames Drehgestell jeweils unter den Enden von zwei Wagenkästen.Nach dem Jacob-Drehgestellen ist zum Beispiel der französische TGV ausgerüstet."Die hätten das auch nicht verhindert", glaubt Siegmann.

Der Münchener Experte Karlheinz Rößler hatte vorher behauptet, daß der französische Hochgeschwindigkeitszug wohl stabiler sei als der deutsche ICE.Der TGV habe die Chance, nach einer Entgleisung neben der Strecke weiterzurollen.Das gefährliche Querstellen der Wagen werde so möglicherweise vermieden.Der TGV sei einmal bei Tempo 300 entgleist und dennoch sicher zum Stehen gekommen.

Nach Ansicht von Helmut Schuck vom Institut für Eisenbahnwesen und Verkehrssicherung in Braunschweig käme etwa ein Bruch im Spurkranz eines Rades oder ein kaputter Dämpfer als Ursache in Betracht.

Gleisverwerfungen, etwa ein Absacken des Unterbaus, nannte der Darmstädter Eisenbahnexperte Edmund Mülhans als mögliche Ursache.Im RTL-Fernsehen verwies der Professor auf ein ähnliches Unglück bei Eschede vor 21 Jahren.Sein Aachener Kollege Wulf Schwanhäußer hielt dies dagegen für unwahrscheinlich.Verwerfungen oder auch unsauber liegende Weichen seien unmittelbar sichtbar und wären wohl schon aufgefallen, sagte er im Saarländischen Rundfunk.Zudem sei gerade bei hohen Geschwindigkeiten ein ICE nur äußerst schwer vom Gleis zu bringen: "Je höher die Geschwindigkeit ist, desto höher ist die Sicherheit gegen Entgleisen."

Für Sabotage an Gleisen oder Oberleitungen gibt es keinerlei Anhaltspunkte; auch wenn ein Experte dies für theoretisch möglich einschätzte.Die Täter müßten jedoch hervorragende Kenntnisse in Bahn-Internas und Physik besessen haben.

Klar ist bislang nur, daß der auf der Brücke stehende Kleintransporter der DBAG nicht als Verursacher des Unglücks in Frage kommt, teilte die Staatsanwaltschaft gestern mit.An der "Soko Eschede" sind 28 Beamte der Landespolizei und 16 Bundesgrenzschutzbeamte beteiligt.Professor Siegmann von der TU Berlin sagte gestern, daß ein Auto auf den Gleisen dem etwa 900 Tonnen schwerem Zug nicht hätte gefährlich werden können.Ausgeschlossen wurde gestern auch, daß Bahnarbeiter eine Rolle gespielt haben könnten.Es habe keine Arbeiten am Gleisbett gegeben, zwei Arbeiter hätten jedoch unmittelbar vor der Katastrophe neben der Strecke gearbeitet.

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