Welt : Ich gestehe!: Marianne Fürstin zu Sayn-Wittgenstein-Sayn

Bea Schnippenkoetter.

Im Oktober 1961 haben mein Mann und ich im Château Lafite in Frankreich Baron und Baronin Elie Rothschild besucht. Es waren auch viele Freunde da, wie die Carcanos und die Metternichs - ein ganz wunderbares Wochenende, alles furchtbar elegant. Einen Abend sind wir mit den Autos rübergefahren auf das große Weingut Château Mouton seines Vetters Baron Philipp Rothschild. Die Auffahrt zum Schloss war mit Fackeln gesäumt. Wir hatten fantastische Abendkleider an. Meines hatte einen Unterrock aus steifen Ringen, damit der Rock wie bei einer Teepuppe von der engen Taille aus weit fällt. Ich fand mich wunderschön. Mein Mann und ich gingen auf das Schloss zu, und auf einmal reißt der Knopf an meinem Reifrock und das ganze Drahtgestell fällt wie eine Rosette an mir herunter. Mein Mann war außer sich, so sehr, dass er mich verleugnete. Er ging einfach weiter geradeaus. Ich bückte mich, hob den riesigen Unterrock auf und drückte ihn dem erstbesten, entsetzten Diener in die Hand. Das Kleid war nicht mehr dasselbe, es hing traurig an mir herunter. Mein Mann ist sehr humorvoll, aber dass ich vor diesem fantastischen Schloss aus meinem Unterrock steige, das war ihm zu viel. Es wurde dennoch ein herrlicher Abend und das Ganze war mir offen gesprochen nicht annähernd so peinlich wie meinem Mann. Ich predige meinen Kindern immer: Seid nicht so äußerlich. Wenn ihr Menschen trefft, schaut ihnen in die Augen. Sie wollen doch dich und nicht dein Kleid begrüßen. Natürlich muss man sich bemühen, hübsch auszusehen, aber wesentlich sind Ausstrahlung und Charakter.

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