• Ich gestehe!: Würden Sie fremden Leuten eine Geschichte erzählen, die Ihnen peinlich ist? Hier traut sich einer:

Welt : Ich gestehe!: Würden Sie fremden Leuten eine Geschichte erzählen, die Ihnen peinlich ist? Hier traut sich einer:

Bea Schnippenkötter

Ich war 1989 gerade in das Literaturressort der FAZ eingetreten, da gab es ein Arbeitstreffen mit meinen damaligen literarischen Göttern Pierre Bourdieu und Jacques Derrida in Paris. Außerdem waren dort der Chef des Times Literary Supplement, der Chefredakteur von Le Monde und überhaupt eine ganze Reihe einschüchternder Geistesgrößen. Man aß zu Mittag in dem düsteren Hinterzimmer eines Restaurants. Ich war schüchtern, sprach schlecht französisch und saß am äußersten Rand, froh, nicht wahrgenommen zu werden. Beim Essen merkte ich, dass ich einen Fehler gemacht hatte, weil alle ganz schnelle, kleine Sachen serviert bekamen, während ich ein mehrgängiges Mittagessen bestellt hatte. Es wurden Seitenblicke auf mich geworfen. Zu meinem Menü gehörte auch Dessert. Alle anderen tranken nur Kaffee. Einige hatten bereits ihre Mäntel an, da ging das Licht aus.

Drei Ober kamen herein, zwischen ihnen ein hell lodernder, flambierter Nachtisch. Sie stellten den Teller vor mich hin. Ich leuchtete im Mittelpunkt des Interesses. 20 der berühmtesten Historiker, Philosophen und Geisteswissenschaftler Europas blickten voller Verachtung auf mich. Als die Flamme aus und das Licht wieder anging, machte Bourdieu die höhnische Bemerkung: "So etwas gibt es wohl nicht, wo Sie herkommen?" Ich antwortete, ich wolle nur probieren, aß zwei Löffel und sagte: "Fini, fini." Die waren aber Sadisten - so sind sie ja - und sagten: "Non, non" - wenn ich es bestellt hätte, solle ich es aufessen. Seither bestelle ich nichts mehr, was lodert und brennt.

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