• Ich gestehe!: Würden Sie fremden Leuten eine Geschichte erzählen, die Ihnen peinlich ist? Hier traut sich einer

Welt : Ich gestehe!: Würden Sie fremden Leuten eine Geschichte erzählen, die Ihnen peinlich ist? Hier traut sich einer

Bea Schnippenkoetter

Es mag bezeichnend sein, dass mir gleich eine Geschichte aus meiner Jugendzeit in Dortmund einfällt: Ich war Ende 18, stand kurz vor dem Abitur und war heftig verliebt. Meine Freundin besuchte einen Stenographie-Kurs, zu dem ich sie gern begleitete. Einmal habe ich deswegen den Sportnachmittag geschwänzt. Der Turnlehrer meldete mein Fehlen dem Klassenlehrer. Der stellte mich zur Rede. Ich suchte mich herauszuwinden und erklärte, ich hätte bei der Gemeindeandacht Orgel spielen müssen. Der Klassenlehrer verlangte eine schriftliche Bestätigung vom Pfarrer. Die konnte ich natürlich nicht herbeischaffen. So setzte ich meine Mutter unter Druck, dass sie mir ein Orgelspiel bestätigte, das gar nicht stattgefunden hatte. Spontan lehnte sie ab. Wir stritten miteinander. Ich malte ihr aus, welche Folgen eine solche Affäre kurz vor dem Abitur haben könnte. In der Nacht schlief ich sehr unruhig. Ich türmte eine Schwindelei auf die andere und zog immer mehr Personen hinein. Am frühen Morgen fasste ich den Entschluss, ganz einfach die Wahrheit zu sagen. Meine Mutter hatte tatsächlich die Entschuldigung unterschrieben. Ich zerriss sie in Stücke und ging noch vor der ersten Stunde in die Schule. Mein Klassenlehrer, den ich als einen humorigen und sympathischen Menschen mochte, saß schon im Lehrerzimmer. Als er mir die Tür öffnete, stellte sich mein Magen quer. Verlegen gestand ich, dass meine Geschichte erfunden sei. Er quittierte mein Geständnis mit der bitteren Bemerkung: Das hab ich mir doch gleich gedacht. Ich aber fühlte mich wie ein Regenwurm, der im Staub versinkt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben