• Ich habe verstanden: Matthias Kalle fragt sich, ob Horst und Guido noch Freunde sind

Ich habe verstanden : Matthias Kalle fragt sich, ob Horst und Guido noch Freunde sind

Einige Dinge der jüngeren Vergangenheit lassen den Verdacht zu, dass die Sache mit der Freundschaft nicht mehr so rund läuft, wie man sich das vielleicht einmal erhofft, erwünscht, erbeten hatte.

von
Matthias Kalle

Tatsächlich scheint der Begriff "Freundschaft" eine Neudefinition zu erfahren - muss man möglicherweise sogar sagen: Freundschaft ist nichts mehr wert? Es war am 24. Oktober, Horst Seehofer und Guido Westerwelle bei der Vorstellung des schwarz-gelben Koalitionsvertrags. Beide hatten gute Laune, wie man sie bei manchen Männern sieht, deren Verein gerade einen Titel gewonnen hat. Dann sagte Guido Westerwelle: "Um 2:12 Uhr waren wir mit der Arbeit fertig, um 2:15 Uhr sagen wir Horst und Guido zueinander." Dabei tat er etwas, was manche Beobachter im Nachhinein "tätscheln" nannten - er berührte Horst Seehofer am Rücken.

Das wurde von anderen als Freundschaft gedeutet, mindestens als Beginn einer Freundschaft, und jetzt, vier Monate später, ist sie dahin, verweht - nichts mehr übrig. Horst Seehofers Auftritt beim Politischen Aschermittwoch in Passau. Seine Rede dort. Er würde sich ja wünschen, "dass auch die FDP und mein Freund Guido da und dort etwas mehr Gelassenheit" zeigen könnten. Seehofer zitiert ein anderes Interview, in dem Westerwelle die CSU mit den Worten "Ich kann auch anders" drohte. Seehofer sagte, da würden dann ja die Alpen beben: "Das ist aber kein Tsunami, liebe Freunde, das ist nur eine Westerwelle."

Noch mal: zunächst nennt er seinen "Freund Guido", um sich dann ein paar Sätze über ihn lustig zu machen, den Witz richtet er dann an die "lieben Freunde" im Saal. Kann es sein, dass sich Horst Seehofer in Beziehungsdingen furchtbar verlaufen hat und nicht mehr weiß, wo Feind und Freund zu verorten sind?

Schlagen wir nach bei Aristoteles: Für ihn ist die Freundschaft ein wichtiger Bestandteil einer funktionierenden Gesellschaft. Allerdings bedeutet im Altgriechischen das Wort "philia" sowohl "Freundschaft" als auch "Liebe", deshalb untereilte der Philosoph "Freundschaft" in allerlei Unterkategorien, die höchste war für ihn jedoch die Tugendfreundschaft, die "Freundschaft um des Freundes willen". Das bedeutet: Wenn sich zwei Personen in ihrer Tugendhaftigkeit ähnlich sind, ist das die beste Voraussetzung für die vollkommene Freundschaft. Und wie funktioniert diese Freundschaft im Alltag? Für Aristoteles ist die räumliche Nähe der Freunde sehr wichtig. Wie oft sehen sich der Horst und der Guido eigentlich?

Nun ist die Freundschafts-Definition von Aristoteles sehr alt, deshalb möglicherweise ungerecht. Schlagen wir nach bei Michel de Montaigne, dessen Definition ist etwas jünger. Montaigne schrieb den Essay "Über die Freundschaft", eigentlich ein Liebesbrief an seinen besten Freund. Die Freundschaft zu ihm, Étienne de La Boétie, ist groß, größer als alle anderen Freundschaften, die aus Montaigne Sicht nur "gewöhnlich" sind und nur aus gegenseitigen Nutzen geschlossen werden (Koalitionsverträge?).

Ist Guido Westerwelle eigentlich der Facebook-Freund von Horst Seehofer? Dann wäre die Sache am Ende vollkommen klar, denn am Donnerstag las ich in der "Süddeutsche ZeitunG" ein großartiges Interview mit dem Kulturkritiker William Deresiewicz, der von 1998 bis 2008 Literaturwissenschaft an der Universität Yale lehrte und 2009 die beiden Essays "The End of Solitude" und "Faux Friendship" veröffentlichte. Darin Deresiewicz die These, dass soziale Netzwerke wie Facebook unsere Freundschaftserfahrungen negativ beeinflussen. Er sagt: "Wer ein echter Freund sein möchte, braucht Abgeschiedenheit, um über sich selbst zu reflektieren. Um aber ein ehrliches Verhältnis zu mir selbst zu haben, muss ich wahre Freundschaft kennen, weil ich mich im Gespräch mit dem Freund selbst entdecken kann. Unsere gegenwärtige Online-Welt macht jedoch sowohl Abgeschiedenheit, als auch echte Freundschaft zunehmend schwieriger."

Interessanterweise sagte Mark Zuckerberg, einer der Erfinder von Facebook bereits vor zwei Jahren: "Facebook hilft, mit Leuten in Kontakt zu bleiben, die wir auch im echten Leben kennen. Mehr nicht. Wer glaubt, dass jeder Facebook-Kontakt ein Freund ist, der weiß nicht was Freundschaft bedeutet."

Was Freundschaft bedeutet, dass sagte Zuckerberg nicht. Aber er wird es wissen. Er wird es wissen, wenn er nur einen echten Freund hat. Denn wer nur einen Freund hat, der versteht, was Freundschaft bedeutet.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar