Welt : Im Namen des Pferdes

Harald Maass

Einmal im Jahr steht China still. Auf den sonst überfüllten Pekinger Stadtautobahnen fährt kein Auto, die Straßen sind menschenleer. Die Geschäfte und Kaufhäuser, die sonst sieben Tage die Woche mit lauter Musik die Kundschaft anlocken, sind geschlossen. Eine Woche lang ist es in diesem Land der 1,3 Milliarden einmal ruhig. China feiert noch bis einschließlich Montag "Chun Jie" - das "Frühlingsfest". Nach dem chinesischen Mondkalender beginnt dann ein neues Jahr. Am Dienstag, den Neujahrstag, startete China bereits in das Jahr des Pferdes. Das Pferd (Chinesisch: "Ma") ist eines von zwölf Tierkreiszeichen im chinesischen Kalender und gilt nicht unbedingt als eines der glücklichsten Zeichen.

Im Pferdejahr 1930 fiel die Welt in eine Repression, 1966 startete Mao Zedong die verhängnisvolle Kulturrevolution. Allerdings haben die chinesischen Sternendeuter in ihrer 4000jährigen Geschichte gelernt, dass es keine wirklich schlechten Jahre gibt. Das Zeichen des Pferdes sei eben "impulsiv" und "sprunghaft", sagen sie.

Da diesmal der Frühlingsanfang noch vor dem Jahreswechsel fiel, sprechen die Wahrsager von einem "blinden Jahr". Ein blindes Pferdejahr also. Und weil so etwas für die wichtigen Dinge im Leben wie Hochzeiten nicht geeignet ist, brach kurz vor dem Jahreswechsel das Heiratsfieber aus. Junge Paare strömten in den vergangenen Wochen auf Chinas Standesämter, um nur ja noch im alten Jahr der Schlange getraut zu werden. Am 2. Februar 2002, dem Volksglauben nach ein besonders glückliches Datum für den Bund des Lebens, waren Chinas Städte voll mit Hochzeitsgesellschaften. "Chun Jie" ist das wichtigste Familienfest in China. Millionen Wanderarbeiter, Studenten und Angestellte reisen zurück in ihre Heimatdörfer

Völkerwanderung zum Neujahrsfest

Vor dem Jahreswechsel, der nach dem chinesischen Mondkalender bestimmt wird, bricht in der Volksrepublik jedes Jahr eine Völkerwanderung aus. 130 Millionen Chinesen sind in diesen Tagen mit Zügen unterwegs, 1,5 Milliarden Busfahrten werden erwartet. Ein paar Wohlhabende, immerhin noch sieben Millionen Menschen, werden mit dem Flugzeug in ihre Heimatprovinz reisen.

Ansonsten steht China jedoch still, eine Woche lang. Fabriken, Behörden und die meisten Geschäfte und Restaurants sind geschlossen. Sogar der Hongkonger Gold- und Aktienmarkt schloss am Dienstag für drei Tage seine Pforten. Man bleibt im Kreise der Familie, trifft Freunde und Verwandte. Zeitungsberichten zufolge brachten knapp vier Millionen Anrufe und -Nachrichten in der Neujahrsnacht die Handy-Netze in Schanghai an den Rand des Zusammenbruchs. In Nordchina kocht man gemeinsam mit der Familie "Jiaozi" - eine Art gefüllte Maultaschen. Außerdem gibt es mindestens ein Fischgericht. Den das chinesische Wort für Fisch ("Yu") kann etwas anders ausgesprochen auch Wohlstand bedeuten. Und den wünschen sich die Chinesen sehnlichst.

Dem Volksglauben nach darf außerdem eine Woche lang das Haus nicht geputzt werden - man könnte ja aus Versehen das Glück aus dem Haus fegen. Zum chinesischen Neujahrsfest gehört eigentlich auch ein Feuerwerk. Nach Mitternacht werden auf den Dörfern deshalb Kanonenschläge und Feuerwerksraketen gezündet. In Peking und anderen Städten sind die Feuerwerke jedoch seit einiger Zeit von der Regierung verboten. Chinas Böller enthalten sehr viel mehr Schwarzpulver als die deutschen.

Bei der wilden nächtlichen Knallerei kamen jedes Jahr Dutzende Menschen ums Leben. Viele Familien schauen sich das Feuerwerk deshalb im Fernsehen an, in der Neujahrsgala des Staatsfernsehens.

Für im Zeichen des Pferdes Geborenen, wie etwa Helmut Kohl oder Clint Eastwood, ist das neue Jahr übrigens kein schlechtes. Auf sie warten Abenteuer, Romanzen und unbekümmerte Selbstvergessenheit, erklären die Wahrsager.

"Ich habe mich am Neujahrsabend ganz rot angezogen", sagt die Pekinger Studentin Jiang Xin, die in einem Pferdejahr geboren wurde. Auf die roten Socken schrieb sie die guten Wünsche für das neue Jahr und sprang damit über den Boden. "Auf jeden Fall hat es eine Menge Spaß gemacht".

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