• Interview: "Es war nicht klug von den McCanns, diesen Medienirrsinn zu starten"

Interview : "Es war nicht klug von den McCanns, diesen Medienirrsinn zu starten"

Der Medienkritiker und Journalist Nick Ross, der mit dem britischen Pendant zu "Aktenzeichen XY ungelöst" des Senders BBC berühmt geworden ist, spricht mit dem Tagesspiegel über den Fall Maddie McCann und das Verhalten der Eltern.

Markus Hesselmann
Nick Ross
Der Medienkritiker Nick Ross hält die McCanns für unschuldig. -Foto: Nick Ross

Nick Ross (60) moderierte bis zu seinem Ausscheiden vor zwei Monaten 23 Jahre lang die BBC-Sendung "Crimewatch", ein Pendant von "Aktenzeichen XY ungelöst". Der profilierte Journalist, der unter anderem über den Nordirland-Konflikt berichtete, hat sich in Großbritannien auch als Medienkritiker einen Namen gemacht.

Kate und Gerry McCann, die Eltern des vermissten Mädchens Madeleine, bitten jetzt darum, ihre Privatsphäre zu respektieren. Ist das nicht etwas merkwürdig, nachdem sie selbst immer wieder mit ihrer Kampagne in die Öffentlichkeit gegangen sind?

Mir gefällt die Logik nicht zu sagen: Ihr habt angefangen, das habt ihr nun davon. Das kommt mir vor wie ein Boxkampf bei dem einer das Handtuch wirft und der andere dann trotzdem immer weiter auf ihn einschlägt. Es war sicher nicht klug von den McCanns, diesen Medienirrsinn zu starten. Es hatte aber auch was von einer Übersprungshandlung. Sie waren in einem fremden Land, sprachen die Sprache nicht, dann haben sie die Öffentlichkeit gesucht.

Das erklärt noch nicht, dass man dann gleich bis zum Papst gehen muss.

Man kann das oft bei Opfern spektakulärer Verbrechen beobachten: Sie lassen sich von der großen Aufmerksamkeit der Medien einnehmen und vorantreiben.

Hat dieser Fall eine bislang nicht da gewesene Publicity?

Solche spektakulären Fälle gibt es immer wieder. Denken Sie an Bob Woolmer, den angeblich in Jamaika während der WM ermordeten Cricket-Trainer. Das war sogar in Ländern ein Thema, in denen niemand die Cricket-Regeln kennt. Solche Fälle werden zur Soap Opera. Die Menschen fühlen sich plötzlich vertraut mit den Opfern. Es ist aber selten, dass ein europäischer Fall solches weltweites Interesse erregt wie jetzt Madeleine. Normalerweise geht so etwas von Amerika aus, nicht von Europa.

Warum also bewegt gerade dieser Fall die Menschen so sehr?

Weil alle mitfühlen können, wie schrecklich diese Erfahrung für die Familie sein muss. Jeder hat wohl mal seine Kinder kurz allein gelassen. Dann haben wir hier ein typisches Middle-Class-Paar, artikuliert, telegen. Vergessen Sie nicht, dass die meisten Journalisten auch aus der middle class kommen.

Sie hatten mit Ihrer Sendung "Crimewatch" auch Ihren Anteil am Medienhype. Die McCanns haben dort an die Öffentlichkeit appelliert.

Ich war nicht glücklich über diesen Auftritt. Es gab Meinungsverschiedenheiten in der Redaktion. Programme wie "Crimewatch" oder auch das deutsche "XY ungelöst" haben ja ein Dilemma: Die Zuschauer erwarten, dass die großen spektakulären Fälle dort vorkommen. Ich glaube allerdings nicht, dass die vielen Anrufe und Tipps die Polizei in so einem Fall noch voranbringen. Im Gegenteil, der Druck wird erhöht und zu viel Zeit für Nebensächliches verbraucht. In so einem spektakulären Fall kann sich die Polizei nämlich nicht erlauben, dass irgendwann jemand kommt und sagt: Warum seid ihr denn diesem Hinweis nicht nachgegangen.

Hat dieser Streit dazu beigetragen, dass Sie und "Crimewatch" sich nach mehr als zwei Jahrzehnten trennten?

Das war sicher nicht entscheidend, aber es war eine von mehreren Meinungsverschiedenheiten.

Was halten Sie von all den Experten, die sich zu dem Fall äußern, Psychologen zum Beispiel?

Ich muss da vorsichtig sein, denn ich sitze im Glashaus. Schließlich bin ich ja gerade auch dabei, mich öffentlich zu dem Fall zu äußern. Aber all diese Auftritte haben schon etwas von Pop-Psychologie.

In Deutschland sagte ein Experte, dass Eltern nach einer künstlichen Befruchtung eine losere Bindung zu ihren Kindern haben, was ein Indiz für die McCanns als Täter sein könnte.

(lacht nur laut und sagt dazu nichts)

In einem Beitrag für den Londoner "Evening Standard" haben Sie sich als Prominenter gerade selbst spekulativ geäußert. "Ich bin sicher, dass die McCanns Maddy nicht umgebracht haben", steht als Überschrift über Ihrem Text.

Mir wäre eine andere Überschrift lieber gewesen, denn das war nicht mein Hauptanliegen. Ich wollte eher was in der Richtung, dass man die Polizei in Ruhe arbeiten lassen solle. Aber das gefiel dem zuständigen Redakteur nicht. Und ich sollte halt auch sagen, was ich über den Fall persönlich denke. Das war eher ein Nebenaspekt. Viel wichtiger ist mir, dass die Leute all den Meldungen zu dem Fall mit Skepsis begegnen. Mir macht Sorgen, dass sich wegen der vielen Spekulationen und vermeintlichen Enthüllungen aufgrund ungenannter Quellen ein Gefühl verbreitet, es sei ja nun über den Fall alles bekannt, weil das gesamte Beweismaterial ja offen vor uns liegt. Das stimmt nicht. In einem solchen Fall wissen zwei oder drei, vielleicht vier hochrangige Polizisten, was wirklich geschieht. Der Rest sind Leute, die höchstens hier und da mal was gehört haben.

Zuletzt gab es wieder solche spekulativen Meldungen aufgrund solcher Quellen. Ein Büschel Haare von Madeleine sei angeblich im Kofferraum des Mietwagens gefunden worden.

Wenn man da kritisch herangeht, müsste man sich zuerst ja mal fragen, wie denn die McCanns so sorglos sein könnten, nicht auf so etwas zu achten. Aber wenn so etwas dann einmal veröffentlich ist, dann bleibt auch was davon hängen.

Stimmt es denn, dass Sie nicht an eine Schuld der McCanns glauben?

Ich habe bislang jedenfalls keine Informationen, die mich von der Schuld der Eltern überzeugen.

Das Gespräch führte Markus Hesselmann.

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