Welt : Iris Berben: Dunkle Schöne mit hellem Kopf

Robert Bongen

Hellblaues Kleid, hohe Schuhe und doof wie die Nacht. So beschreibt sich Iris Berben, wenn sie von ihrem ersten Beatles-Konzert erzählt, damals im Hamburger Star-Club. 13 war sie und von Zuhause ausgebüchst. "Ich war wahrscheinlich das einzige Groupie, das die Jungs nicht angeguckt haben", lacht sie. Wie sich die Zeiten ändern. Heute wird das Groupie von einst 50 Jahre alt - und kann sich der Verehrung der Männer absolut gewiss sein: Immer noch steht sie an der Spitze aller Umfragen zur erotischsten Frau Deutschlands.

Ein Kompliment, das Iris Berben gerne annimmt - längst hat sie hat sie Publikum und Kritiker auch durch ihr künstlerisches Können überzeugt. Schönheit und Schauspielerische Begabung schließen einander nicht aus, das hat sie in zahlreichen Rollen bewiesen. Die gebürtige Detmolderin ist zu einer Fernsehikone gereift, zur beliebtesten Schauspielerin des Landes: Über 80 Prozent der Deutschen kennen und mögen sie.

"Als ob niemand außer mir 50 werden würde", hat sie den Medienrummel vor ihrem runden Geburtstag kommentiert. Immer wieder die Frage nach dem Rezept für ihre "zeitlose Schönheit". Und immer wieder die Frage: "Hat sie oder hat sie nicht - sich liften lassen?" Gegenüber einer bunten Zeitschrift outete sie sich kürzlich als "Pillenfreak": Sie nehme täglich Pillen, seit sie 40 sei.

Ein Hormon gegen das Altern, dazu Kalzium, Enzyme, Magnesium, Zink, Selen, Eisen und Vitamine. Das Rauchen habe sie eingeschränkt, keineswegs aber den Rotwein und das gute und viele Essen - am liebsten im legendären Restaurant "Roma" an der Münchner Maximilianstraße, das sie im Mai zusammen mit ihrem Lebensgefährten Gabriel Lewy neu eröffnete. Ihr viel bewundertes Äußeres versteht sie deshalb auch eher als ein Geschenk des Schicksals. Sport habe sie nie getrieben und trotzdem immer noch die Figur einer 20-Jährigen. Und Face-Lifting sei für sie bisher kein Thema gewesen. "Ich glaube an die Natürlichkeit", sagt sie energisch. Und sie glaubt an die Gegensätze im Menschen. Kaum eine andere Schauspielerin lebt diese Gegensätze so intensiv wie die dunkle Schöne: "Meine Vielfalt und meine Gegensätze machen mich nicht nur für andere Menschen, sondern auch für mich selbst, immer wieder spannend."

So hat sie zum einen keine Hemmungen, sich mit Lupenbrille, gelbem Pferdegebiss und Zottelhaaren in "Sketchup" an der Seite des kürzlich verstorbenen Diether Krebs zum Trottel zu machen. Humor und Mut zur Hässlichkeit - mit Einschaltquoten von bis zu 40 Prozent. Zum anderen spielt sie aber auch immer wieder gerne die Mondäne, den Vamp, die geheimnisvolle Diva - dann ist sie wieder der Traum der Männerwelt.

Den Mut zu dieser Widersprüchlichkeit hat Iris Berben nach und nach entwickelt: Ihre Eltern, ein Detmolder Gastronomenehepaar, ließen sich früh scheiden. Ihre Gymnasialzeit verbrachte sie auf verschiedenen Hamburger Internaten - und flog dreimal von der Schule. Auch wenn sich das mittlerweile im Lebenslauf spannend liest, habe sie doch in der Zeit ihr Selbstwertgefühl verloren. "Du passt in keine Gemeinschaft", hat man ihr erzählt. Iris Berben ließ schon damals niemals locker, wollte immer alles genau wissen, was ihr den Ruf als "vorlaute Göre" einbrachte.

Ohne Abitur fand sie ihre neue Heimat in der 68er-Bewegung, aber nicht wegen ihres politischen Wissens, sondern eher weil sie sich instinktiv zu diese Szene hingezogen fühlte. Zum ersten Mal hatte sie das Gefühl, richtig aufgehoben und unter Gleichgesinnten zu sein.

Ihre ersten Kurzfilme drehte sie auf der Hamburger Kurzfilmschule. Auf den "Oberhausener Filmtagen" entdeckte sie der damalige Kritikerpapst Uwe Nettelbeck für den Kinofilm "Detektive" - seitdem steigt ihre Popularität ständig; der Durchbruch kam mit der Comedy-Serie "Die himmlischen Töchter" an der Seite von Ingrid Steeger und "Das Erbe der Guldenburgs".

Sich selbst zurücknehmen, das Ego außen vor lassen, das bezeichnet sie als das Spannende an ihrem Beruf. 32 Jahre ist sie mittlerweile dabei, schon lange kann sie selber bestimmen, mit welchen Kollegen sie spielt und wer Regie führt. Am liebsten arbeitet sie mir der Produktionsfirma ihres 29-jährigen Sohnes Oliver Berben und des jungen Regisseurs Carlo Rola, "quasi mein zweiter Sohn". Er sei einer der wenigen, die "um ein Produkt und mit einem Produkt kämpfen". Im Herbst beginnen mit "Die Gebrüder Sass" die Dreharbeiten für den ersten Kinofilm des Dreamteams.

Unter Rolas Regie spielt sie auch seit 1994 im ZDF Rosa Roth, die Kommissarin in der Berliner Mordkommission und erreicht mit jeder Folge sieben Millionen Zuschauer. "Die Leute merken, dass Rosa eine politische Figur ist, die sich mit den Befindlichkeiten in diesem Land auseinandersetzt." Ganz besonders am Herzen lag ihr die Folge "Reise nach Jerusalem" mit dem Thema "Antisemitismus".

"Ich bekam anonyme Drohungen, mein Auto wurde beschmiert. Doch es ist wichtig, Dinge zu hinterfragen und Menschen anzustoßen." Zusammen mit ihrem Sohn liest seit einiger Zeit unregelmäßig aus dem Buch "Mama, was ist Auschwitz?" der französischen Autorin Anette Wieviorka, die darin ihrer 13-jährigen Tochter den Holocaust erklärt.

Ihr Herz für Israel hat Iris Berben bereits mit 17 entdeckt, im Kibbuz. Die Wahl-Münchnerin hat zusammen mit ihrem jüdischstämmigen Lebensgefährten Gabriel Lewy einen Wohnsitz in Tel Aviv. "Israel ist das Land, wo ich barfuss laufe", sagt sie. Die Geschichte des Landes fasziniere sie, die hohe Lebensqualität - und sie liebt - mal wieder - die Gegensätze, den "ewigen Tanz auf dem Vulkan".

Ihren Geburtstag feiert sie allerdings in Südfrankreich. Die "Arbeitsbesessene" hat sich eine Auszeit genommen, was ihr nicht einfach fällt: "Es ist verrückt. In den letzten 15 Jahren hatte ich so viele schöne, unterschiedliche Rollen. Das war oft nah an meiner ursprünglichen Berufsdefinition dran."

Angst macht ihr die 50 nicht. Klar, 50 sei eine magische Grenze, ein Berg. "Doch ich hoffe, ich behalte mein Selbstbewusstsein und meine Souveränität!" Die Freude an der Provokation hat sie jedenfalls behalten - wie in dem Werbespot für Pay-TV. Da sitzt sie auf einem Barhocker in einer Frittenbude, und unter dem Minrock blitzt ihr weißer Slip hervor. Ein Skandal? Nicht für Iris Berben: "Was Skandal ist und was normal, kommt auf die Lebensform an."

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