Welt : „Isch liebe disch“

Wie drei Türken aus der deutschen Provinz den Musikbetrieb aufrollen

Meike Fries

Ismael, Selcuk und Fatih Hira aus Germersheim in der Pfalz können nicht singen. Sie können auch nicht tanzen, dafür hat ihr Deutsch einen gewissen Charme. Vielleicht kommt es gerade darauf an. Die drei 17- und 18-jährigen Deutschtürken nennen sich „Grup Tekkan“ und geistern seit zwei Wochen durch alle Kanäle. Ihr schiefes Liebeslied „Wo bist du, mein Sonnenlischt“ und der dazugehörige selbst gedrehte Videoclip, in dem sie unbehände durchs Bild tänzeln, erzählen einmal mehr die Geschichte der eigenen Gesetzmäßigkeiten des Internets. Und die alte Geschichte von Ironie und Trashkultur. Mit atemberaubender Geschwindigkeit machte das Lied aus dem Germersheimer Jugendzentrum Hufeisen, wo Song und Clip im vergangenen Jahr im Rahmen eines pädagogischen Musikprojekts entstanden, seinen Weg in die Vermarktungsmaschinerie der Musikindustrie. Zwischen Jugendzentrum und Plattenvertrag lagen einige Verlinkungen in Weblogs, tausendfaches Verschicken des Videos per E-Mail und die TV-Couch des Trash-Experten Stefan Raab, auf der die drei Jungs vergangene Woche in der Sendung „TV Total“ Platz nahmen und ihren Song dem Publikum präsentierten.

In einer Sendung wenige Tage später machte sich Raab ein bisschen über das mangelnde Können der drei lustig und pries den Download des Songs im neuen Online-Musikshop der Sendung an. Stolz wie Oskar sprach er über die zahlreichen Server-Zusammenbrüche in den letzten Tagen. Tausende Zuschauer hatten sich „Wo bist du, mein Sonnenlischt“ nach dem Auftritt in der TV-Show heruntergeladen. Zu Gast in der Sendung hatte Raab den Gewinner der ersten Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“. In der RTL-Castingshow wird verbissen behauptet, dass der Weg zum Erfolg über harte und ehrliche Arbeit führt. Und der Weg ins Musikbusiness über das Nadelöhr des Castings und der Plattenfirmen. Den 22-jährigen Alexander Klaws, der gerade mit neuem Album und neuem Haarschnitt einen zweiten Anlauf im Musikbusiness unternimmt, bat Raab um einen Kommentar zu Grup Tekkan: „Da kann man nicht wirklich von Können sprechen“, sagte der. „Stell dir vor, du bist Künstler, träumst von einem Plattenvertrag und drei solche Typen, die wirklich gar nichts können, bekommen dann einfach einen.“

Was Alexander Klaws zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, ist, dass in den Augen eines rechtschaffenen, hart arbeitenden Künstlers alles noch viel schlimmer ist. Denn das Sonnenlischt-Lied ist nicht nur von zweifelhafter Qualität, sondern auch noch geklaut. Spiegel-online deckte auf, dass der Song eigentlich „Tell me wut u want“ heißt und von einem kanadischen Hip-Hopper namens Michael Manu aus Winnipeg stammt, der den Song irgendwann ins Netz stellte und dann vermutlich vergaß. Ein Teil des Textes kommt von der Wittener Hip-Hop-Band „Sons of Gastarbeita“, die das Musik-Projekt im Germersheimer Jugendzentrum pädagogisch betreuten. Damals konnte niemand ahnen, dass Ismael, Selcuk und Fatih Hira einmal bei Stefan Raab auftreten und Interviews für die „Bunte“ geben würden. Und heute ist die Aufregung in Germersheim so groß, dass sich die Mitarbeiter des Jugendzentrums Hufeisen „aus vertragsrechtlichen Gründen“ nicht mehr öffentlich zu ihren Schützlingen äußern wollen.

Das, was Alexander Klaws als ungerecht und unverdient empfindet, kann man Glück oder Zufall nennen. Dass es weder Talent noch Fleiß braucht, um erfolgreich zu sein, oder besser: Aufmerksamkeit zu erregen, quält nicht nur den jungen Mann aus Sendenhorst: „Geht erst mal schön in die Schule und sorgt dafür, dass ihr eine Ausbildung kriegt“, heißt es in einer Weblog-Diskussion zu Grup Tekkan. Oder an anderer Stelle: „Es gibt auch so was wie Musik, wo nicht nur der Videoclip was zählt, sondern auch die Stimme der jeweiligen Sänger.“ „Die dümmsten Bauern ernten die dicksten Kartoffeln“, schreibt ein anderer.

Am Freitag kommt „Wo bist du, mein Sonnenlischt“ als Single in die Plattenläden. Am selben Tag wird „I still burn“ veröffentlicht werden. So heißt die erste Single von Tobias Regner aus Teisendorf in Bayern. Der 23-Jährige ging vergangene Woche als Gewinner aus der jüngsten Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ hervor.

Bei Amazon kann man beide Singles bereits jetzt vorbestellen. RTL-Superstar Tobias Regner liegt auf Verkaufsrang sechs, Grup Tekkan auf Verkaufsrang 4296. Das ist für beide ziemlich gut.

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