Welt : Italien: Angst und Schrecken

Werner Raith

Die drei Briefe waren bereits vor mehreren Wochen im Polizeipräsidium Padua eingegangen, ihre Existenz wird erst jetzt eingestanden: Ein Anonymus soll von Italiens Behörden umgerechnet zwölf Millionen Mark gefordert haben, sonst werde er alle paar Tage jemanden umbringen. Tatsächlich wurde dann am 29. Januar in Padua ein Taxifahrer erschossen.

Am 10. Februar traf es nicht weit vom ersten Tatort einen Immobilienmakler. Bei ihm fanden die Ermittler auch zwei Könige aus einem Kartenspiel sowie einen Zettel: "Auch hier handelt es sich nicht um einen Raub. Fragt im Polizeipräsidium nach."

Amateurfahnder und ihre Zahlenmystik

Als tags danach auch noch die verbrannte Leiche eines Universitätsprofessors aufgefunden wurde, wurde die Öffentlichkeit in Angst und Schrecken versetzt: Ein Serienkiller der Sonderklasse sei am Werk, hieß es, einer, der die Polizei regelrecht herausfordere. Die Regierung schickte ihre fähigsten Polizeibeamten in die Stadt im Veneto.

Die Sonderkommission fand bald heraus, dass es sich da nicht durchwegs um einen "Serienkiller" handle: Der Professor war von seinem eigenen Sohn erschlagen und dann angezündet worden, um die Entdeckung eines Examensbetrugs zu verschleiern. Der Mord hatte nichts mit den anderen beiden zu tun. Es half nichts: Hunderte von Amateur-Aufklärern sind bereits am Werk. Die Privatleute fühlen sich von der Zahl zwölf geradezu magisch angezogen, die ihnen in diesem Fall auffällig scheint: Zwölf Millionen fordert der Mann, der eine Brief war am 12. Januar eingeworfen worden, zwölf Tage waren zwischen dem ersten und dem zweiten Mord vergangen. Ist ein Nummernfetischist am Werk?

So sehen sich auch die offiziellen Ermittler gezwungen, in allerlei Zahlen-Mystik einzutauchen: Die vermuten als Hintergrund Rachsucht des Mörders am Stand der Immobilienmakler - der Taxifahrer, so sagen sie, habe nichts damit zu tun, wurde vom Killer in einem Streit umgebracht. Möglicherweise habe "der Mann durch Grundstücksgeschäfte zwölf Milliarden Lire verloren", oder eventuell durch Schuld eines Maklers "zwölf Jahre Gefängnis bekommen". Seither rattern die Polizeicomputer, um eine Person zu finden, auf die alles zutrifft, und tatsächlich haben sie einen Verdächtigen gefunden. Bei ihm wurden Spielkarten mit den anderen beiden Königen gefunden, auch steht offenbar fest, dass er aus den Wohnungen seiner Opfer telefoniert hat. Der Festgenommene war nach Polizeiangaben nicht vorbestraft. Er ist 53 Jahre alt.

Bei der Durchsuchung habe die Polizei in seinem Haus eine kleinkalibrige Pistole gefunden, bei der es sich um die Tatwaffe handeln könnte. In den Vernehmungen hat der Mann, ein sizilianischer Schuldeneintreiber, die Tat bestritten. Auch in der Öffentlichkeit sind inzwischen Zweifel darüber laut geworden, ob der Festgenommene wirklich für beide Morde verantwortlich gemacht werden kann.

Mal sehen, so trocken "la Repubblica", was am 22. Februar passiert - "da wäre das nächste Zwölfer-Opfer fällig".

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