Welt : Italien: Flugzeugabsturz vor 20 Jahren geklärt?

BIRGIT SCHÖNAU[ROM]

Expertenbericht: von NATO-Rakete versehentlich abgeschossen / Luftkampf mit LibyernVON BIRGIT SCHÖNAU, ROMSiebzehn Jahre hat es gedauert.Jetzt kommt durch den Bericht von Radar-Experten die Wahrheit ans Licht: Das Zivilflugzeug, das am 28.Juni 1980 in der Nähe der nördlich von Sizilien gelegenen Insel Ustica abstürzte und 81 Menschen in den Tod riß, wurde offenbar versehentlich abgeschossen - bei einer Auseinandersetzung zwischen der NATO und Libyen. Politiker und Militärs hatten das jahrelang geleugnet. Der Absturz von Ustica bildete eines der bevorzugten Spekulationsobjekte der Presse, für viele Italiener aber auch ein Synonym für "il muro di gomma", jene Gummimauer, die sich in ihrem Land immer dann flugs aufbaute, wenn es darum ging, mysteriöse Attentate aufzuklären.Und der furchtbaren Geheimnisse gibt es noch immer viele. Daß der Fall Ustica vor der Aufklärung zu stehen scheint, ist der unermüdlichen Arbeit des Untersuchungsrichters Rosario Priore zu verdanken sowie der - endlich - bereitwilligen Zusammenarbeit der NATO und der Mitte-Links-Regierung, die die Aufdeckung der Flugzeugkatastrophe zu ihrem besonderen Anliegen gemacht hat.In diesen Tagen berichtet die Presse über einen 700 Seiten starken Bericht eines dreiköpfigen Expertenteams, nach dem die DC 9 infolge eines regelrechten Luftkampfes abstürzte. Das Flugzeug war am Abend des 28.Juni 1980 mit zweistündiger Verspätung von Bologna in Richtung Palermo gestartet.Gegen 21 Uhr geriet die Zivilmaschine dann zufällig in eine Auseinandersetzung zwischen italienischen, französischen und US-amerikanischen Fliegern auf der einen sowie den Libyern auf der anderen Seite.Unter dem Rumpf der später aus dem Meer geborgenen DC-9 sollen sich laut Expertenbericht Trümmer eines libyschen Kampfflugzeuges befunden haben.Das hatte offenbar die DC 9 unterflogen, um das italienischen Radar zu überlisten.Just in diesem Moment muß eine auf das libysche Flugzeug ausgerichtete NATO-Rakete versehentlich die DC 9 getroffen haben.Die Zivilmaschine stürzte ins Meer, die libysche MIG zerschellte hingegen am Küstengebirge. Untersuchungsrichter Priore hatte den Bericht der Radar-Spezialisten eingefordert.Nun bleibt ihm wenig Zeit für den Abschluß der Ermittlungen.Am 30.Juni muß er fertig sein, will er nicht riskieren, daß das ganze Verfahren zum wiederholten Mal neu aufgerollt werden muß.Doch erst vor wenigen Wochen hatte die NATO grünes Licht zur Dechiffrierung der Radarberichte gegeben. Von den Ergebnissen des Untersuchungsberichtes wollen die beteiligten Militärs indes nichts wissen.Die Franzosen schweigen sich seit 17 Jahren aus. Pentagon-Sprecher Steve Campbell reagierte mit einem lakonischen: "Wir waren nicht dabei." Der italienische General Lamberto Bartolucci, zum Zeitpunkt des Absturzes bei der Luftwaffe federführend, bestreitet , daß sich neben der DC-9 irgendein anderes Flugzeug im Luftraum befunden habe.Noch nicht einmal die Libyer.Bartolucci hat gute Gründe, weiter an der "Gummimauer" zu bauen: Richter Priore will ihn wegen Hochverrats vor Gericht bringen. Regierungschef Romano Prodi hingegen empfing gestern die Präsidentin der Angehörigen-Vereinigung der Ustica-Opfer.Eine symbolische Geste.Prodis Vize, Kulturminister Walter Veltroni, versprach: "Die Gummimauer wird zerstört."

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