Welt : Jugend forsch

Pöbelnde Teenie-Bands sollen und wollen Authentizität vermitteln – doch ihr Ungezogensein klingt einfältig

Sebastian Handke

Berlin - Wir sind nicht süß, wir sind geil, sagen die Killerpilze. Jo (16), Fabi (13), Mäx (17) und Schlagi (17) aus Dillingen an der Donau wollen nicht mit Tokio Hotel vergleichen werden, deren Erfolgsmodell sie doch so offensichtlich imitieren: Wie Tokio Hotel singen sie laut und ungestelzt von den Dingen, die die gequälte Teenie-Seele so umtreibt. Weil sie im selben Alter sind wie ihre Hörer, wirken sie glaubwürdig, wenn sie von Spaß, Kummer, Schule und Scheidung singen. Und dass sie aus der Provinz kommen und dort auch noch zur Schule gehen, gehört unbedingt zum Image. Wir sind näher dran am Leben unserer Fans – das ist die Botschaft.

Weil sie aber nicht süß, sondern geil sein wollen, heißt ihr Lied über Liebeskummer nicht „Monsun“, sondern „Richtig Scheiße“. Die Musikindustrie freut sich über so viel unverstellte „Authentizität“: Je derber und unverstellter, desto „echter“ solle es wirken – ein Prinzip, das in den letzten Jahren im deutschen Hip–Hop auf die Spitze getrieben wurde. Heraus gekommen ist dabei gewissermaßen der Soundtrack zur Schulhof-Debatte. Jetzt haben auch Nachwuchsrocker wie die Killerpilze aussagekräftige Refrain-Zeilen wie: „Fick dich! Arschloch! Ich hasse dich! Ich mag dich nicht!“ Im Fahrwasser von Tokio Hotel muss man eben frecher daherkommen, will man nicht gleich wieder untergehen. Auf androgyne Romantik, die sich Tokio Hotel vom japanischen J-Rock abgeschaut haben, antworten die Killerpilze mit ausgelassenem Deutsch-Partypunk. Von der einschlägigen Jugendmusikpresse, die die Killerpilze kampagnenartig hochjubelt, werden die rockenden Dreikäsehochs schon mit den frühen Ärzten verglichen.

Auch für weibliche Hörer stehen Angebote bereit, die nicht zum Anhimmeln, sondern zur Identifikation taugen sollen – über das wohlige Gefühl solidarischen Verstandenwerdens. DeLía aus Berlin etwa tröstet sich und ihre Hörer über den Exfreund hinweg mit den Zeilen „Du Wichser! Du dumme arrogante Sau! Wie schön es wäre, dir auf die Fresse zu hauen, dir den Hals umzudrehen, dir den Tag zu versauen.“

Auch LaFee (16) aus Augsburg, die sich in Sachen Kleidung offenbar vom Schlampenlook der frühen Madonna hat inspirieren lassen, quält schlimmer Liebeskummer, denn ausgerechnet die beste Freundin hat ihr den Freund ausgespannt. Jetzt wird abgerechnet: „Du kleines Stückchen Dreck / du Schlampe bist so link / dass es bis zur Hölle stinkt. Ich wünsch dir einen Virus / Ich wünsch dir die Krätze an den Hals / Ich wünsch dir nen Bazillus / der dich hässlich macht und alt“ („Virus“). In Zeiten von Vogelgrippe und Terrorangst will man mit dieser recht lauen Provokation offenbar von der Einfältigkeit der Musik ablenken. Auf dem im Juni erscheinenden Album wird das „grunge girl auf dem Weg zur femme fatale“, wie es im Pressetext heißt, außerdem von Kindesmissbrauch, Charakterschwäche und strengen Eltern singen.

Jugend forsch also, könnte man denken, doch verzerrte Gitarren und harte Worte können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Pöbelmusiker keineswegs wild, sondern ausgesprochen harmlos sind. Keine Spur von Punk und Rebellion – diese Jungrocker möchten vor ihrem Stimmbruch einfach noch mal ein bisschen ungezogen sein. Die Killerpilze haben Einser in Mathe und wollen auf jeden Fall das Abitur machen. Jo gibt Gitarrenunterricht, und Schlagi hilft im Bioladen seiner Mutter aus. LaFee kann als waschechte Hauptschülerin zwar den passenden sozialen Hintergrund aufweisen. Produziert wird sie allerdings von „Twoformusic“. Die sind sonst zuständig für Nino de Angelo, die Verliebten Jungs und für den Mützenalarm der Mainzelmännchen.

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