Kampfmittel-Altlasten : Giftbomben im Wasser

In den deutschen Meeren treiben tonnenweise Sprengstoff und andere Kampfmittel – vor allem aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Folgen für Mensch und Umwelt sind unabsehbar.

Anett Selle
Gefährliche Arbeit. Ein Marine-Taucher beseitigt Kampfmittel.
Gefährliche Arbeit. Ein Marine-Taucher beseitigt Kampfmittel.Foto: Christian Charisius/dpa

Sarin, Blausäure, Senfgas; Gewehrpatronen, Minen, Panzerfäuste – etwa 1,6 Millionen Tonnen Kampfmittel-Altlasten liegen in den deutschen Meeren, die meisten davon aus den Weltkriegen. 21 Verdachtsflächen gibt es in der Ostsee, 70 im deutschen Teil der Nordsee. Brandbomben liegen bei Usedom, 90 Tonnen mit dem Nervengift Tabun gefüllte Granaten in der Helgoländer Tiefen Rinne, 5000 Tonnen Granaten mit Phosgen und Tabun südlich des Kleinen Belts. Und in der Nordsee sind auch Wattflächen betroffen, in denen die Munition zum Teil täglich auf dem Trockenen liegt.

Doch das größte Problem sind die Kampfmittel, von denen man nicht weiß, wo sie sind. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde viel übrig gebliebene Munition einfach in die Meere geworfen: Für die Verklappung bestimmten die Alliierten Versenkungsgebiete; nur blieb der Kriegsschrott nicht dort liegen, sondern wurde von den Strömungen verteilt.

Zu einem beträchtlichen Teil noch scharf

Eine Gefahr sind die unkartierten Altlasten, von denen ein beträchtlicher Teil noch scharf ist, für den Küstenschutz und bei der Fischerei mit Grundschleppnetzen. Auch Off-Shore-Projekte bei denen Kabel auf dem Meeresgrund verlegt werden, sind direkt betroffen, beispielsweise beim Bau von Windrädern. Zudem kommt es immer wieder vor, dass Spaziergänger am Strand angespülten Phosphor mit Bernstein verwechseln und sich verbrennen; auch Schießwolle hat bereits ihren Weg an den Strand gefunden.

Munitionsaltlasten aufzuspüren und zu bergen gehört zur Arbeit der Marinetaucher. „Wir finden Kampfmittel durch den Einsatz von Minensuchbooten und autonomen Unterwasserdrohnen“, sagt Marcel Nguyen von der Marine dem Tagesspiegel. Die Bergung durch die Minentaucher erfolge nach einer Vorsprengung, die den Zündmechanismus unschädlich mache. Zur Vernichtung werde das gefundene Kampfmittel dann in einen sicheren Bereich gebracht oder „wenn notwendig, direkt an Ort und Stelle unschädlich gemacht“.

Explosivstoffe mit toxischer Wirkung

Ob derartige Maßnahmen ausreichen, um den unkartierten Munitionsaltlasten beizukommen, ist allerdings fraglich: Die Bergung erfolgt Stück für Stück. Doch schon heute werden Gefahrenstoffe schrittweise freigesetzt und gelangen so in die Nahrungskette. Zwar sei der größte Teil der Kampfmittel keine chemische, sondern konventionelle Munition, sagt Thomas Lang, stellvertretender Leiter des Thünen-Instituts für Fischereiökologie. „Diese enthält als Explosivstoffe allerdings auch toxische Substanzen, die durch Korrosion und mechanische Beschädigung der Sprengkörper freigesetzt werden können.“

Video
Per Klimawandel in die Katastrophe? (Videografik)
Per Klimawandel in die Katastrophe? (Videografik)

Im Wesentlichen sei das die organische, krebserregende Verbindung 2,4,6-Trinitrotoluol. TNT, der meistverwendete Sprengstoff der Welt, enthält unter anderem Salpeter- und Schwefelsäure. Durch Photolyse und die Aktivitäten von Mikroorganismen werde der Sprengstoff relativ schnell in seine Abbauprodukte zersetzt, sagt Lang. Doch dass eine hohe Konzentration des Sprengstoffs oder dieser Abbauprodukte den Lebewesen im Meer schadet, könne nicht ausgeschlossen werden.

Im Rahmen seines Fischkrankheiten-Überwachungsprogramms hat das Thünen-Institut seit 2011 den Gesundheitszustand von Dorschen in Versenkungs- und Vergleichsgebieten in der Ostsee untersucht. Gravierende Unterschiede zwischen Fischen aus dem Hauptversenkungsgebiet bei Bornholm im Vergleich zu unbelasteten Gebieten habe man dabei nicht festgestellt, sagt Lang.

Schon seit 100 Jahren im Salzwasser

Derweil schreitet die Korrosion voran: Manche der Altlasten schwimmen immerhin seit 100 Jahren im Salzwasser. Heutige Methoden der Suche nach Kampfmitteln in den Meeren seien sehr aufwendig, außerdem teuer und zeitintensiv, schreibt das Netzwerk Munitect. Ferner könnten stichprobenartig nur kleine Gebiete überprüft werden, ohne genaue Identifikation der Munitionsart und mit einem Risiko von 20 Prozent, dass etwas übersehen wurde.

Das Netzwerk Munitect ist ein Zusammenschluss aus Firmen und Forschungseinrichtungen, gefördert durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie. Die Koordination aller Aktivitäten erfolge durch das Fraunhofer-Institut für Graphische Verarbeitung, sagt Mitarbeiterin Wiebke Peters. Um die Bergung zu beschleunigen, will Munitect bessere Verfahren zur Entdeckung von Kampfmitteln in den Meeren entwickeln.

Das Thünen-Institut ist nicht an Munitect beteiligt, trotzdem sieht Thomas Lang das Netzwerk positiv und begrüßt die Zusammenarbeit von Partnern aus Forschung und Wirtschaft. Munitect allein reiche aber nicht aus: Munition zu verorten sei ein erster Schritt, doch dringend müsse auch müssten auch Methoden zur Risikobewertung hinsichtlich möglicher Schäden für Mensch und Umwelt vorangetrieben werden. Außerdem sei wichtig, die Bergung weiter zu fördern: „Kostengünstige und umweltschonende Methoden der effizienten Bergung von Munition befinden sich größtenteils noch in der Entwicklung“, sagt Lang.

7 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben