Welt : Kanadas "Madame de Sade" will die Justiz bezwingen

BARBARA HALSIG

OTTAWA ."Madame de Sade", alias Terri-Jean Bedford (39) ist entschlossen, kanadische Justizgeschichte zu schreiben.Sie ist eine Domina, Besitzerin eines Bungalows, in dem Klienten sich gegen Gebühr fesseln, demütigen, auspeitschen lassen können oder - andersherum - willige, unterwürfige Personen "quälen" dürfen.Kanadas Anklagebehörde betrachtet derlei Kundendienste als illegale Prostitution.Vor vier Jahren drangen Polizisten in das Etablissement ein und konfiszierten Bedfords "Arbeitsgerät".Seitdem peitscht die Domina ihr Recht auf Berufsausübung durch die rechtlichen Instanzen.Dem Fall dürfte Präzedenzcharakter zukommen.

Bedfords Rechtsanwalt Alan Young, Professor an der hochrenommierten Osgoode Hall, der juristischen Fakultät der York University in Toronto, erwarte vom Urteil eine juristische Definition darüber, was "Sex in Kanada" sei.Madame de Sade habe mit ihren S&M- (sadomasochistischen) Dienstleistungen im "Bondage Bungalow" keinen Sex betrieben.Ihr Haus sei deshalb kein Bordell und alles, was sie dort tue, legal.

Auch Kanadas Öffentlichkeit lernt anhand des Falles gefiltert, was S&M-Anhänger (also Fetischisten und/oder Masochisten) so treiben.In der mildesten Form, so scheint es.Ein neuer Prozeß steht noch in diesem Monat bevor.Die erste Instanz verurteilte die Frau, die nächste verwarf die Anklage als "zu vage".Das wiederum verwarfen die Berufungsrichter - und nun müssen sie entscheiden.Kanadas Oberster Gerichtshof, von "Madame de Sade" angerufen, gab das heiße Eisen schleunigst an die untergeordneten Richter ab.Torontos S&M-Gemeinschaft ist vorbereitet.Am Wochenende lud sie ein zu einem Maskenball, einer Podiumsdiskussion und "Kostproben".Feministinnen kamen, einschlägig interessierte Leute und natürlich Reporter, denen sich "Madame de Sade" in Lederrock mit Reitpeitsche und imposantem Dekollete präsentierte.Intellektuelle Bedürfnisse befriedigten auf dem Podium Professor Young und zwei weitere Rechtsanwälte, zum Ausprobieren am eigenen Leibe mußte man zehn Dollar hinblättern; dafür wurde den Interessenten in einer Kabine gekonnt der Hintern versohlt.

Die Polizei hatte in dem "Bondage Bungalow" der Domina eine Gefängniszelle, einen Sarg, Prügelbänke und Handschellen gefunden, neben diversen Peitschen, Ringen und Nadeln, zur Anbringung - wo auch immer.Tanya, Gast auf der Veranstaltung, informierte Journalisten darüber, wie wohl es tue, sich die Brust samt Brustwarze mit Nadeln zu bespicken."Ich war süchtig und dies war das Hoch (high), nach dem ich immer suchte." Professor Young, Spezialist in Sachen S&M und Bordelle, betont nachdrücklich, daß Terri-Jean Bedford der einschlägigen kanadischen Gemeinschaft einen Dienst erweise, indem sie jetzt nicht nachgebe.Wie groß diese Gemeinschaft ist, darüber gibt es natürlich keine statistischen Angaben.

Die einst biederen Bürger Kanadas, dessen Gesellschaft sich in kürzester Frist von viktorianischer Verklemmtheit zu einem Soziallabor unterschiedlichster Lebensweisen gemausert hat, haben bereits mit einem anderen "outing" zu kämpfen.Toronto, drei Millionen Einwohner groß, früher verpönt als "gut, langweilig, prüde", veranstaltete kürzlich mit 700 000 Teilnehmern die zweitgrößte Parade zum Tag der Homosexuellen (Gay Pride) in Nordamerika - nach San Francisco.Selbst der äußerst konservative Bürgermeister Mel Lassman ließ sich gequält-vergnügt mitreißen.

Die Domina, "Madame de Sade", bediente nach eigenen Angaben zu 85 Prozent heterosexuelle Männer, fünf Prozent bisexuelle oder schwule und fünf Prozent Frauen; der Rest seien Paare.Ärzte, Rechtsawälte, Ingenieure, Buchhalter und andere "gutbürgerliche" Berufsgruppen machten 15 Prozent aus, 25 Prozent kamen aus dem Verkaufs- und Versicherungssektor, zehn Prozent waren - alles nach eigenen Angaben - Firmenmanager, und weitere zehn Prozent hatten eigene Geschäfte.Im Bungalow häten ihre "verborgenen Fantasien" die Erfüllung gefunden, betont Bedford.Gerade ältere Männer, meist verheiratet, wollten sich unterwerfen, sich "hilflos fühlen".Gewalt sei weniger als erwartet gewünscht worden.

Laut Professor Young geht es im Gerichtsverfahren um ein "gradliniges Argument darüber, was sexueller Service und erotisches Theater" ist.Sadomasochismus sei äußerst mißverstanden: "Viele Menschen brauchen ihn, und er gewinnt Respekt."

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