Welt : Kanadische Polizei setzt Indianer am Stadtrand aus

Barbara Halsig

"Hält man uns für Hunde?" So fragte ein Indianer kürzlich im kanadischen Fernsehen. Er meinte es wörtlich.

Im Abstand von fünf Tagen fand man zwei zu Tode gefrorene Indianer im verlassenen Umfeld einers Kraftwerks am Rande der Präriestadt Saskatchewan. Ohne Mantel und Schuhe lagen sie im Schnee nur unweit voneinander entfernt. Polizisten sollen die wahrscheinlich betrunkenen Indianer dort in klirrender Kälte ausgesetzt haben, wohl wissend, was das bedeuten könnte, heißt jetzt der schier unglaubliche Vorwurf.

In einer anderen Präriestadt, Winnipeg, ermordete vergangene Woche ein Mann zwei ihm bekannte Schwestern in ihrer Wohnung. Die Halbblutindianerinnen Doreen Leclair (51) und Corinne McKeowen (52) riefen binnen acht Stunden fünfmal die Polizei an, weil der Mann trotz gerichtlichen Verbots in der Nähe lauerte. Wurden die beiden Frauen ignoriert, weil sie Mestizen waren, weil die Notrufe aus einem innerstädtischen Elendsvierteil voller Indianer kamen?

Für Phil Fontaine, Häuptling der Vereinigung der Indianerstämme, ist die Sachlage klar: Was den Rassismus gegenüber Indianern in Kanada anbetreffe, sagte er bitter, "sehen wir die Spitze des Eisbergs". Es bedurfte einer Beschwerde des Indianers Darrell Night, um aus dem kaum beachteten Erfrieren zweier betrunkener Indianer eine der größten Untersuchungsaktionen in der Polizeigeschichte Saskatchewans zu machen. Aufgerüttelt von der Lokalnachricht meldete sich Night bei der Polizei und gab an, ihm sei das Gleiche passiert. Betrunken und in Handschellen sei er nach Streit in einer Wohnung von einer Streife ins Fahrzeug gesteckt worden.

Statt zur Ausnüchterungszelle zu fahren, sah Night jedoch die Lichter der Stadt hinter sich verschwinden. "Er verhielt sich still wie eine Maus. Was sollte er denken?", beschrieb sein Onkel das Weitere. Der Polizeicruiser habe nahe des Kraftwerks gehalten. "Raus mit Dir, Du verdammter Indian", hätten die Polizisten ihn angeflucht. "Ich werde hier erfrieren" - "Das ist Dein verdammtes Problem."

Bei den Indianerorganisationen in der gesamten Prärie hat diese einzige Beschwerde die Schleusen geöffnet. Immer mehr Indianer berichten nun selbst über Aussetzungen sowie andere Übergriffe der Polizei. "Mir wäre nicht geglaubt worden", erklären sie ihr vorheriges Schweigen.

Die Indianerverbände werden bei den Untersuchungen in beiden Städten mithelfen. Sie stossen, zumindest was die bisherigen Reaktionen anbetrifft, auf guten Willen bei den staatlichen Institutionen. Die Sonderkommission in Saskatoon will Polizisten aus dem Volke der Cree einschalten. In Winnipeg sind die Beteiligten beim ignorierten 911-Notruf suspendiert und auch hier ist Aufklärung versprochen. Bürgermeister Glen Murray brach in Tränen aus, als er das Versagen des mit dem Schutz aller Bürger betrauten Systems zugab. "Wir leben in einer rassistischen Gesellschaft ... es wäre ein Narr, der das nicht zugibt".

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