Welt : Kapuziner: Da beißt sich der Vatikan die Zähne aus

Werner Raith

Die Feier gehörte zu den erhebensten des gesamten Heiligen Jahres: Francesco Forgione, besser bekannt als Padre Pio (1887-1968) und von vielen Italienern verehrt, wurde selig gesprochen; Ende 2001 soll die Heiligsprechung folgen. Doch unversehens sind tiefschwarze Wolken über dem Kult des mit den Wundenstigmata Jesu ausgezeichneten Kapuzinermönches aufgetaucht. Es geht, wie so oft, ums liebe Geld, und darum streiten die Mönche mit dem Vatikan. Denn "Padre Pio" ist, obwohl sein Orden auf strengste Armut sieht, ein Riesengeschäft. Seit Mitte der 20er Jahre hatte er in San Giovanni Rotondo in Apulien gelebt - ein berühmter Ort, weil dort einst der Erzengel gelandet sein soll. Im Laufe der Jahre wurde Pio ordensintern immer angesehener, sein heiliggemäßes Leben früh im ganzen Land bekannt; nebenbei wuchs er auch in die Rolle eines erfolgreichen Geldsammlers und Organisators hinein.

Er sorgte für den Bau einer Kirche, eines Krankenhauses und anderer Einrichtungen. Die Haupt-Basilika ist meist überfüllt. Mehr als neun Millionen Besucher kommen jährlich hierher, die inzwischen 50 Hotels zählen eine halbe Million Übernachtungen. Angezogen werden viele, seit der Stararchitekt Renzo Piano hier ein neues, eigenwilliges Gotteshaus mit zehntausend Plätzen hochzieht. Und viele kommen der Gesundheit wegen; das Krankenhaus Ospedale Sollievo dalla Sofferenza gilt als besonders heilträchtig, mehr als 70 000 stationäre Aufenthalte und fast eine Million ambulante Behandlungen zählt man dort. Alle mit der Figur des nach vatikanischer Versicherung wundertätigen Paters zusammenhängenden Umsätze in San Giovanni belaufen sich jährlich auf gut hundert Millionen Mark.

Da kommt Appetit auf - besonders in Rom, und besonders nach dem finanziell enttäuschenden Heiligen Jahr 2000. Repräsentiert wird der Heilige Stuhl durch ebenjenes Krankenhaus Sollievo Sofferenza, das die Kapuziner irgendwann unvorsichtigerweise dem IOR überlassen hatten, dem päpstlichen Bankinstitut. Dort waltet Bischof Riccardo Rotolo, und der versuchte jüngst einen tiefen Griff in die eigentlich prall gefüllten Geldtresore der geschäftstüchtigen Mönche.

Doch weh: Da war nichts drin. Schon die Bauarbeiten am Opus des Renzo Piano, versicherten die cleveren Bettelmönche, seien doch ins Stocken geraten, weil die Kassen leer seien - man habe sich einfach verkalkuliert. Wutentbrannt erstattete der Bischof in Rom Rapport, und wenig später lief dort auch noch ein dickes Dossier ein, in dem die armen Patres unverhüllt persönlicher Verschwendungssucht und der Veruntreuung von Geldern bezichtigt werden. Die Kurie in Rom sah Handlungsbedarf.

Die strengste Maßnahme wäre die Einsetzung eines außerordentlichen Kommissars gewesen, aber auch die Umwandlung der Konventsleitung in eine Prälatur wurde diskutiert - die unterstünde dann nicht mehr dem Orden, sondern direkt dem Vatikan. Aber man entschied sich für die mildeste Form, "wohl angesichts der Pikanterie des Falles in Sichtweite der Heiligsprechung", wie Prior Padre Gerardo Saldutto meint. Man sandte einen "Visitator", einen Vatikanbeamten, der sich im Konvent einquartiert und nach Belegen sucht.

Unregelmäßigkeiten gefunden hat er offenbar tatsächlich einige - so etwa, dass Prior Gerardo irgendwann mehr auf den Mammon denn auf Gottes Rufe gehört hat. Die weit über sechs Millionen Mark Opfergelder der Gläubigen legte er nicht mehr wie früher auf die Bank, sondern vetraute sie einem Finanzagenten an. Und dabei habe er einen Mann ausgewählt, der schon mehrfach wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten auffällig worden war. Zudem habe man, so der Visitator, keinerlei Buchführung vorlegen können und auch keine Haushaltspläne. Und schließlich gäbe es da noch sehr, sehr böse Gerüchte: Patres sollen sich aus der Konventskasse wunderschöne Vakanzen auf den Bahamas oder in Hawai gegönnt haben. Dafür aber hat er derzeit noch keine definitiven Beweise.

Der Finanzhai ist mittlerweile zu knapp vier Jahren wegen betrügerischen Bankrotts verurteilt. Aber die anderen Vorwürfe weist der Prior entrüstet zurück und vermutet "schlichten Neid auf unser Geld" hinter diese ehrenrührigen Gerüchten: "Es wird ausgehen wie 1922". Auch damals hatte Rom einen Visitator gesandt, weil böse Zungen von mächtigen Orgien und Prassereien im Konvent berichtet hatten - "aber am Ende war alles nur heisse Luft." Und das weiß der Prior ganz bestimmt - schließlich hat er darüber seine Doktorarbeit verfasst.

Dies ist der letzte Text des verstorbenen Korrespondenten, der den Tagesspiegel erreichte.

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