Karneval : Rio contra Rhein - Frohsinn im Vergleich

Jeck am Dom, jeck am Zuckerhut - Karneval ist vor allem aus Deutschland und Brasilien bekannt. Unsere brasilianische Austausch-Journalistin Denise Menchen blickt auf die ausgelassenen Feiern hier und dort.

Denise Menchen
Königinnen der Stadt. Luiza Brunet aus der Schule Imperatriz Leopoldinense.
Königinnen der Stadt. Luiza Brunet aus der Schule Imperatriz Leopoldinense.Foto: REUTERS

Männer in Uniform marschieren durch die Stadt, eine Band spielt Blasinstrumente, Pferde ziehen Holzwagen und von den Wagen werfen die Fahrgäste Bonbons, Brote und sogar Würste und Gemüse in die Menge, die fröhlich zuschaut, ruft und fängt. Das sind Szenen, die kein Brasilianer als typisch karnevalistisch bezeichnen würde. Und doch sieht so ein typischer Karnevalsumzug im Rheinland aus. 

Als Brasilianerin, die sich für Deutschland sehr interessiert, hatte ich davon gehört, dass auch hier Karneval gefeiert wird. Große Gedanken darüber hatte ich aber mir nie gemacht. Deswegen war ich überrascht, als ich die Rosenmontagsfeier im Mainz, Düsseldorf und Köln im Fernsehen guckte. 

Natürlich hätte ich erwarten müssen, dass die deutschen Karnevalumzüge ganz anders sind als die brasilianischen. Des Wetters wegen schon. Aber das unendliche Werfen von den sogennanten Kamellen hatte ich mir nicht vorstellen können.

Dass die Umzüge ohne Leitmusik laufen hatte ich auch nicht erwartet. In den Paraden der Sambaschulen in Brasilien spielen die „samba-enredos“ eine Hauptrolle. Jede Sambaschule hat ihre eigene Musik, die die ganze Zeit wiederholt wird, bis ihr Umzug beendet ist. Sie hilft dabei, dass das Publikum das aktuelle Motto versteht. 

Jedes Jahr suchen sich die Schule neue Themen aus, auf die dann nicht nur die Musik, sondern auch die Kostüme und die Wagen abgestimmt werden. Die Menschen investieren viel Geld und Zeit, um alles vorzubereiten. Karneval ist in Brasilien ein Wettbewerb - und niemand will in die zweite Liga. 

Das Leben geht weiter. Ein Jahr nach dem großen
Das Leben geht weiter. Ein Jahr nach dem großenFoto: dpa

Von den fast nackten Frauen, die sich in Rio monatelang auf den Umzug im von Oscar Niemeyer projizierten Sambódromo vorbereiten, gibt es in Deutschland auch keine Spur. Mit dicken Kostümen schützen sich die Leute hier vor dem kalten Wetter. Ich habe aber ein paar Frauen gesehen, die sich trauten, kurze Röcke anzuziehen. Dazu trugen sie Strumpfhosen, ein Kleidungsstück, das im brasilianischen Karneval nur im Notfall angezogen wird. Das heißt, wenn das Vorbereitungsturnen nicht genug war, um die Cellulite vollständig zu vertreiben.

Ja, die Karnevalumzüge in Rio werden oft zur Bühne für Leute, die ihre 15 Minuten Ruhm suchen. Andere sind einfach froh, „die größte Vorstellung der Welt“, wie die Brasilianer es stolz nennen, mitmachen zu dürfen – egal, ob sie übergewichtig sind oder nicht.

Auch außerhalb des Sambódromos wird es gefeiert. Schon ein paar Wochen vor Karneval irren durch Rio die sogenannten „blocos“. Der Begriff bezieht sich auf Gruppen von Menschen, die sich an einem verabredeten Punkt mit Trommeln, Handtrommel und andere Instrumente treffen, Musik spielen und auf den Straßen tanzen.

An den „blocos“ kann jeder teilnehmen, mit oder ohne Kostüm. Oft passiert es, dass die Leute die Gelegenheit nutzen, um politische und soziale Satire zu machen. Dass Karneval in Deutschland auch politisch sein kann, hat mich positiv überrascht. Im Mainz zum Beispiel gab es ein Wagen, der den jahrzentelangen Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen thematisierte. Sein Motto: „Teppich Missbrauch: Der Missbrauch wurde ungeniert - jahrzehntelang vertuscht, negiert, die Kirche hat nicht aufgeklärt, und untern Teppich nur gekehrt.“ 

Es gibt also doch Ähnlichkeiten zwischen dem Karneval in Rio und dem am Rhein. Auch wenn in Rio die Umzüge anscheinend ernster genommen werden und die „blocos“ vermutlich lockerer sind als in Deutschland - es geht immer um Spaß. Sowohl in Brasilien als auch in Deutschland.

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