Welt : Kein hohes C, kein Applaus: Höher, länger, lauter

Frederik Hanssen

Dieser Ton ist einfach spitze: Jeder Opernbesucher wartet auf ihn, jeder Tenor möchte ihn gerne vorführen: das "hohe C". Doch zu hören ist er nur in den seltensten Fällen. Denn das, was die Herren mit den hohen Stimmen ihrer Kehle abpressen, liegt meistens haarscharf über oder unter der eigentlichen, schwer zu treffenden Tonhöhe. Den Zuhörern allerdings macht das wenig aus - wenn der heiß ersehnte Ton nur schön laut über die Rampe kommt. Nicht in der Reinheit liegt der Reiz des "hohen C", sondern in seiner erotisierenden Wirkung. Welche Assoziation bei den Damen und Herren im Saal auch durch die magische Note ausgelöst wird - normal ist das nicht, wenn ein Mann solche Töne ausstößt. Schon gar nicht, wenn er dabei sein Schwert in die Höhe reckt. Genau das nämlich tut Manrico in Giuseppe Verdis Oper "Der Troubadour", wenn er am Schluss seiner Arie "Di quella pria" die Rufe des Chores übertönt. Vom Komponisten allerdings stammt dieser erregt-erregende Schluss nicht - es waren die Tenöre selber, die ihre männliche Stimmkraft mit dem hinzugefügten "hohen C" unter Beweis stellen wollten.

Fehlt der Ton, gibt es einen Skandal. So war es Anfang Dezember in Mailand, als Riccardo Muti bei der Eröffnung der Saison an der Scala die Originalversion ohne Spitzenton singen ließ, so war es jetzt auch in Madrid. Die Zuschauer im Teatro Real pfiffen den argentinischen Tenor Jose Cura aus, weil er in zwei Aufführungen des "Troubadour" das "hohe C" weggelassen hatte. Am Dienstag wollte er den schweren Ton am Schluss des vierten Aktes zwar singen - doch seine Gegner waren schneller. Bereits in der dritten Szene unterbrachen Rufe Curas Gesang: "Betrüger, Betrüger", schallte es von den Rängen, "Du kannst nicht singen, Du bist am Ende". Da platzte dem 38-jährigen Tenor der Kragen. "Ein Teil des Publikums stinkt", rief er in den Saal, als der Vorhang gefallen war. Die Gerügten reagierten mit lauten Buh-Rufen und einem Pfeifkonzert.

Ein herber Schlag für Jose Cura, der als Hoffnungsträger der jüngeren Tenorgeneration gehandelt wird und in der Publikumsgunst gerne die allmächtigen "drei Tenöre" als "Ritter vom hohen C" beerben möchte. Dass die Königliche Oper in Madrid wegen ihrer Querulanten im Stammpublikum von manchen Sängerkollegen schon lange gemieden wird, dürfte ihn da wenig trösten.

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