Welt : Kennen Sie den?: Gesucht: Ein Mann mit Familiensinn

Roland Schulz

"Willst Du", so fragte sie ihren Sohn mit Blick auf seine ersten Verletzungen, "das wirklich machen?" Der Zwölfjährige antwortete: "Ja, Mama, denn ich bin ein mutiger Mann." Seine Mutter war trotzdem nicht überzeugt. Es sollte noch geraume Zeit dauern, so offenbarte ihr erwachsener Sohn später einmal in einem Interview, bis sie es aufgab, ihren Sohn von seinem gefährlichen Hobby abzuhalten - aber eigentlich hatte sie nie eine Chance gegen den Sport, den ihr Kind nur durch einen Zufall lernte: Es war gerade ein Sportlehrer dieser Disziplin vor Ort.

Also begann der Junge so zu trainieren, wie er noch heute trainiert: jeden Tag fünf Stunden. Er trainierte und trainierte, wurde Jugendmeister, trainierte und trainierte, wurde Meister, trainierte und trainierte und wollte dann zu den Olympischen Spielen. Allerdings hatte er nicht nur trainiert, er war auch noch gedopt und wurde deswegen gesperrt. Machte aber nichts, weil statt seiner einfach sein kleiner Bruder zu den Olympischen Spielen von Atlanta fuhr und die Goldmedaille gewann, die er sich so sehr gewünscht hatte. Gewissermaßen der Familien-Ehre wegen.

Darauf legt er besonderen Wert: Niemals, so hat er geschworen, werde er in einem Wettkampf gegen seinen Bruder antreten - nicht einmal, um zu trainieren. Bis heute hat er diesen Schwur nie gebrochen, obwohl ihn sein kleiner Bruder, der ihm alles gleich tat im Leben, inzwischen in fast allen Belangen überholt hat. Außer in einem: Dem Studium. Hier hat nur er den Doktor-Titel erreicht; mit einer Arbeit zum Thema "Sportbegabung und Talentförderung". Dabei habe er damit eigentlich wenig zu tun, witzelte er einmal auf die Frage, warum er so erfolgreich sei - seine Kräfte und sein Können kämen allein daher, dass er ganz in der Nähe eines maroden Atomreaktors geboren sei.

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