Welt : Kinder sollen Nein sagen dürfen

Experten: Wer sich im Familienalltag selbstbewusst verhalten darf, wird seltener Opfer

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Die kindliche Offenheit nutzen Sexualtäter immer wieder aus. „Kinder, die selbstbewusst gegenüber Tätern auftreten, werden erfahrungsgemäß seltener Opfer von sexuellem Missbrauch“, sagt Julia Christiani von der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes (ProPK) in Stuttgart. Sexualtäter suchten sich in der Regel Opfer, die nicht gleich widersprechen und sich nicht direkt wehren. Dabei versuchten sie häufig, das Vertrauen der Kinder zu erschleichen, um Passanten gegenüber kein Aufsehen zu erregen. So lockten sie Minderjährige etwa mit Süßigkeiten oder anderen Versprechungen an. Häufig würden Opfer dabei die Gefahr zunächst nicht erkennen. Lehnt ein Kind dagegen von Anfang an solche Angebote ab, ließen Täter es oft in Ruhe. Häufig würden Kinder sich aber nicht trauen zu widersprechen.

„Kinder müssen daher lernen, Erwachsenen gegenüber Nein zu sagen“, sagt Julia Schlegel, Diplom-Pädagogin vom Sicher-Stark-Team in Euskirchen in Nordrhein-Westfalen. „Für viele gilt noch die Höflichkeitsregel: Man muss tun, was die Erwachsenen sagen.“ Der Hallenser Rechtspsychologe Steffen Dauer weist darauf hin, dass Kindern im Familienalltag erlaubt sein soll, Nein sagen zu dürfen, wenn sie etwas nicht wollen. Dann könnten sie auch in anderen Situationen Nein sagen. Julia Schlegel bringt Kindern in Kursen bei, Umstehende bei einer Belästigung um Hilfe zu bitten und sich laut bemerkbar zu machen. Auch Weglaufen könne helfen – dabei sollten Kinder sich aber nicht verstecken, sondern sich besser dorthin begeben, wo andere Menschen sich aufhalten.

Sexualstraftäter mit pädophilen Neigungen sind nach Auffassung des Rechtspsychologen Rudolf Egg nicht zu heilen. „Die Zuneigung zu Kindern ist eine dauerhafte sexuelle Störung. Diese gibt sich nicht von selbst und lässt sich auch nicht mit einer Therapie beseitigen“, sagte der Direktor der Kriminologischen Zentralstelle (KrimZ) in Wiesbaden am Montag. „Durch eine Behandlung können wir die Abweichung höchstens unter Kontrolle bekommen“, sagte Egg. Durch eine solche Therapie sei die Störung nicht behoben, aber sie könne dazu führen, dass der Täter keine weiteren Straftaten begehe. Die Rückfallquote von Sexualstraftätern liege bei etwa 20 Prozent. Die Zentralstelle hat die Rückfälligkeit anhand von knapp 780 Personen analysiert, die seit 1987 wegen eines Sexualdeliktes verurteilt wurden.

„Das Problematische ist, dass sich die pädophile Neigung in der Regel über die Jahre hinweg verstärkt“, sagte Egg. „So zynisch es klingen mag: Je länger die Vorgeschichte des Täters ist, desto sicherer lässt sich die Gefährlichkeit feststellen.“ Ein Ersttäter bringe in der Regel kein Kind um. „Ein Verbrechen wie im Fall des neunjährigen Mitja ist das Delikt eines Rückfälligen“, erklärte der 58-Jährige. „Da schlägt eine Menge Planung und Überlegung durch. Das ist zumeist schon vorher ausgedacht und versucht worden.“ Der Versuch sei häufig gescheitert und habe strafrechtliche Konsequenzen gehabt. Sollte man deshalb Pädophile schon nach der ersten Tat für immer wegsperren? Nach dem ersten Mal sei nur schwer zu prognostizieren, ob der Täter hochgefährlich ist. Zwar stelle sich bei Kindermördern meist heraus, dass sie einschlägig vorbestraft seien, aber umgekehrt werde nicht jeder Pädophile später zum Mörder, sagte Egg. Wichtig sei, „möglichst früh möglichst genau hinzuschauen, ob ein erhöhtes Risiko vorliegt“. dpa/Tsp

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