Kindstötungs-Prozess : "Ich schäme mich in Grund und Boden"

Ihre Schwangerschaft hat eine Frau bis zuletzt verdrängt und verheimlicht. Bei der Geburt auf der Toilette durchtrennte sie die Nabelschnur mit den Fingern und ließ das Mädchen im Becken sterben. Nun muss sich die 26-Jährige wegen Kindstötung vor dem Kieler Landgericht verantworten. Von André Klohn, ddp

André Klohn[ddp]

KielDie Stimme der jungen Frau stockt immer wieder. Der 26-Jährigen fällt es sichtlich schwer, über die Geburt ihres zweiten Kindes im eigenen Badezimmer zu reden. "Ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll, ohne dass es eiskalt klingt", sagte sie zu Prozessbeginn vor dem Gericht. "Ich schäme mich in Grund und Boden für das, was ich getan habe. Wenn ich es rückgängig machen könnte, würde ich es tun."

Die 26-Jährige muss sich seit Freitag wegen Totschlags durch Unterlassen verantworten. Das Baby soll lebensfähig gewesen sein. Laut Anklage starb das Mädchen infolge massiver Unterkühlung in einem Toilettenbecken. Zu Prozessbeginn legte die Angeklagte ein umfangreiches Geständnis ab.

Vater will nichts gewußt haben

Sie habe ihre Schwangerschaft verdrängt und bis zuletzt verleugnet, wenn sie beispielsweise im Kindergarten ihres Sohnes auf ihren Bauch angesprochen wurde, sagte die Angeklagte. Als am späten Abend des 30. September 2007 in ihrer Wohnung in Fiefbergen im Kreis Plön die Wehen einsetzen, habe sie an Unterleibsschmerzen geglaubt. Dass es sich stattdessen um die Vorboten der Geburt handelte, habe sie erst bemerkt, als sie auf der Toilette saß und den Kopf des Babys sah. Der Vater des Kindes habe währenddessen geschlafen.

Sie habe die Nabelschnur mit ihren Fingernägeln durchtrennt und das Baby im Toilettenbecken liegen lassen. Verkrümmt habe es mit dem Kopf nach unten dort gelegen, schilderte die Frau unter Tränen. An die Folgezeit will sie nur wenig Erinnerung haben. Sie sei danach lange in der Wohnung umher gegangen. "Ich bin einfach nur gelaufen." Nach unbestimmter Zeit kehrte sie ins Badezimmer zurück und fand das Baby leblos vor. "Sie war ganz kalt, hat nicht mehr geatmet", sagte die 26-Jährige.

Babyleiche in der Sporttasche

Sie habe ihre tote Tochter genommen und gewaschen. Warum sie das tat, weiß die Frau nicht. Anschließend wickelte sie den leblosen Körper in einen Läufer mit Fransen und verstaute ihn in einer orangefarbenen Sporttasche. Diese stellte sie in der Küche ab. Erst später sei ihr bewusst geworden, was sie getan habe, berichtete die Angeklagte. Die Bilder des Geschehens seien ihr nicht mehr aus dem Kopf gegangen. "Ich hatte Angst vor dem, was ich getan habe."

Ihr damaliger Lebensgefährte und Vater des Kindes will von dem Geburtsvorgang im Badezimmer der gemeinsamen Wohnung nichts mitbekommen haben. Auf die Frage des Verteidigers, wie er denn auf eine Schwangerschaft reagiert hätte, gab er an, dass er sich darüber wahrscheinlich gefreut hätte.

Kindergarten alarmierte Sozialen Dienst

Die Schwangerschaft der Frau war jedoch in dem Kindergarten bemerkt worden, in dem der Sohn der Frau betreut wird. Als die Frau plötzlich keinen dicken Bauch mehr hatte, schalteten Mitarbeiter den Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) des Kreises Plön ein. Bei der Untersuchung eines Frauenarztes wurde die erfolgte Geburt wenig später festgestellt. Daraufhin alarmierte der ASD die Kriminalpolizei. Am Abend des 1. Oktober 2007 fanden Ermittler die in der Sporttasche verpackte Babyleiche in der Wohnung der Frau.

Der Prozess wird am 5. Dezember fortgesetzt. Dann wollen Staatsanwaltschaft und Verteidigung möglicherweise bereits ihre Plädoyers halten. Das Urteil soll am 15. Dezember verkündet werden.

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