Kloster Ettal : Pater stellte Schülerfotos ins Internet

Mindestens zehn Patres, runde 100 Opfer: Sonderermittler Pfister berichtete am Freitag von den Vorfällen im bayerischen Kloster Ettal. Zwei frühere leitende Geistliche des Knabenchors Regensburg sollen bereits vor Jahrzehnten verurteilt worden sein.

Ettal/RegensburgKinder in Schule und Internat des bayerischen Klosters Ettal sind jahrelang körperlicher Züchtigung und sexuellem Missbrauch ausgesetzt gewesen. Das hat der von der Benediktiner-Abtei eingesetzte Sonderermittler Thomas Pfister am Freitag in Ettal in einem erschütternden Bericht geschildert. Die Vorwürfe richteten sich gegen mindestens zehn Patres, man müsse von rund 100 Opfern ausgehen. Im Skandal um sexuellen Missbrauch bei den Regensburger Domspatzen ging es um zwei frühere leitende Geistliche des Knabenchors. Die beiden Männer, die 1984 gestorben sind, sollen wegen der Taten zu Haftstrafen verurteilt worden sein, berichtete der Sprecher des Bistums Regensburg, Clemens Neck.

Unabhängig von Pfisters internen Ermittlungen laufen strafrechtliche Ermittlungen der Münchner Staatsanwaltschaft. Im aktuellen Fall geht es um einen inzwischen suspendierten Ettaler Pater, der Fotos von halbnackten Klosterschülern auf Homosexuellen- Seiten im Internet veröffentlicht hat. Der beschuldigte Pater habe die Fotos der Buben mit freiem Oberkörper bei Bergwanderungen gemacht, berichtete Pfister. Die zuständige Staatsanwaltschaft habe zur Aufklärung der Vorwürfe am vergangenen Dienstag mehrere Rechner in dem Kloster sichergestellt.

Vorgänge sind verjährt

Der Vatikan nimmt den Skandal um die Missbrauchsfälle in deutschen katholischen Einrichtungen „sehr ernst“. Das hat der stellvertretende Vatikan-Sprecher Ciro Benedettini in Rom versichert. Zu dem möglichen Kindesmissbrauch bei den Regensburger Domspatzen sagte Benedettini, der Vatikan wolle in diesen Fall nicht direkt eingreifen. Er machte nicht klar, ob der Vatikan der Bitte des Benediktinerklosters Ettal um eine Apostolische Visitation - eine Untersuchung durch einen päpstlichen Sonderbeauftragten - wegen der Missbrauchsfälle dort nachkommen werde oder nicht. Benedikt XVI. erhält am 12. März vom Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, einen Bericht über die Welle von Missbrauchsfällen.

Die Ettaler Vorgänge in vergangenen Jahrzehnten seien verjährt, sagte Sonderermittler Pfister. Wenn sie aber von weltlichen Gerichten verhandelt worden wären, hätten sie wahrscheinlich zu jahrelangen Haftstrafen geführt. Eine systematische Kultur des Wegschauens und Verschweigens im Kloster sowie eine falsch verstandene Solidarität habe den Tätern ihr Treiben erleichtert. Es habe sich bei den Vorfällen um Verfehlungen Einzelner gehandelt, man dürfe sich die Benediktiner-Abtei deshalb nicht als Gemeinschaft prügelnder und missbrauchender Klosterbrüder vorstellen, sagte der Sonderermittler. Vor allem müsse man scharf zwischen dem Kloster von gestern und dem von heute unterscheiden.

Pfister machte deutlich, dass die katholische Kirche in Bayern die Vorwürfe zu Missbrauchsfällen schonungslos aufklären will. Er selbst sei bei seinen Untersuchungen keinerlei Beschränkungen unterworfen. Auch im Bistum Regensburg rief die Beauftragte zur Aufklärung sexuellen Missbrauchs, Birgit Böhm, alle Betroffenen auf, sich zu melden.

Verdacht in Regensburg gegen zwei leitende Geistliche

Pfister ist Strafverteidiger in München und wurde von der Ettaler Abtei mit der Prüfung der Vorwürfe gegen mehrere Mönche beauftragt. Er zitierte aus mehreren Schreiben, in denen frühere Schüler von ihren traumatisierenden Erfahrungen berichteten. Möglicherweise wurde auch ein Pater missbraucht. Er sei mit einem früheren Ettaler Pater im Gespräch, der sich an ihn gewandt habe, berichtete Pfister.

Im Skandal um sexuellen Missbrauch bei den Regensburger Domspatzen gibt es einen konkreten Verdacht gegen zwei frühere leitende Geistliche des Knabenchors Regensburg. Der eine Verdächtige, ein ehemaliger Religionslehrer und stellvertretender Institutsleiter, wurde 1958 aus dem Dienst am Domspatzen-Gymnasium entfernt. Der andere Geistliche war wenige Monate auch Internatsleiter, er soll 1971 verurteilt worden sein.

Aktuelle Fälle lägen der Diözese Regensburg nicht vor, hieß es. Es sei aber nicht ausgeschlossen, dass es weitere Täter gebe und diese noch im Dienst seien.

Der frühere Leiter der Regensburger Domspatzen, Georg Ratzinger (86), hat nach eigenen Angaben keine Kenntnis über Missbrauchsfälle bei dem weltberühmten Knabenchor. Das sagte der Bruder von Papst Benedikt XVI. dem Bayerischen Rundfunk in Regensburg. Georg Ratzinger leitete die Domspatzen von 1964 bis 1994. dpa

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