Welt : Kobold des Rock

Robbie Williams versetzte beim Auftakt seiner Sommer-Tour durch Deutschland die Münchner Fans in Ekstase – heute tritt er in Berlin auf

Roland Spiegel[München]

Ein Publikum, das verzückt kreischend die Arme reckt, als sei es in die Hoch-Zeiten der Beatle-Mania zurückkatapultiert worden – und ein Sänger, der von einem Selbstbewusstsein strotzt, als wären alle anderen Pop-Superstars längst ausgestorben. Ihr sollt keine anderen Götter neben mir haben – das ist die Botschaft von Robbie Williams.

Der 29-Jährige versetzte zum Auftakt seiner Sommer-Tour durch Deutschland im Münchener Olympiastadion 63000 Fans in Ekstase. Das Konzert war seit Wochen ausverkauft. Das gilt auch für die anderen der insgesamt sieben Konzerte in fünf deutschen Städten. Heute und morgen tritt Robbie Williams in Berlin auf. Es folgen Mannheim, Gelsenkirchen und Hannover. Eine knallige One-Man-Show zog der ehrgeizige Brite aus Stoke-on-Trent mit Wahlheimat Los Angeles bei seinem Deutschlandtour-Auftakt ab – er sorgte für das aufgekratzteste Spektakel der Saison. Und der Star, der sich zu Beginn, mit dem Kopf nach unten von einem um die Füße gebundenen Seil baumelnd – wie auf dem Cover seiner CD „Escapology“ – auf die Bühne hatte senken lassen, bilanzierte gegen Ende selber: „Alles very fucking gut.“

Kopfüber ins draufgängerische Rock-Vergnügen: Damit ist Williams gleich beim ersten Song „Let Me Entertain You“, in seinem Element. Ganz in schwarz mit weißer Krawatte führt er Macho-Tänze mit dem Mikro-Ständer auf, räkelt sich am Boden und gibt mit rollenden Augen Sprüche von sich: „Ich bin ein Rrrock-Star“, packt er frei nach Kennedy seine Deutschkenntnisse aus.

Robbie Williams ist ein Rockstar, aber er ist auch ein Clown, ein Rotzlöffel – und ein Romantiker. Das Publikum kann dabei lauter Robbie-Momente fürs Tagebuch sammeln. Mit der Bitte an die weiblichen Fans, bloß nicht die Brüste zu entblößen, sagt er den neuen Song „Me And My Monkey“ an, weil er da erst vor zwei Tagen beim Anblick eines nackten Busens den Text vergessen habe. Zu „Strong“ lässt er auf der Leinwand den Song-Text mitlaufen, um den Fans das Chor-Karaoke leichter zu machen.

Einer gewissen Miriam gibt er bäuchlings auf dem Laufsteg vor der Bühne ein Autogramm, weist aber darauf hin, dass er ihr nachher nicht noch eine Tasse Tee bringen werde. Und sonnt sich in vielen anderen Sprüchen, die fortlaufend aus ihm heraussprudeln.

Als er seinen Schwelge-Hit „Feel“ anmoderiert, ist die Spontaneität dann wirklich gefordert: Eine La-Ola-Welle rollt unaufgefordert durchs Stadion, und Robbie mimt mit gespielter Entrüstung das Rumpelstilzchen: „Stop!“ Schließlich sei er es, der die Welle zu starten habe. Ein Star als Dompteur der Geister, die er rief. Der den Schein der geschwenkten Feuerzeuge und das Geflacker der Blitzlichter unter lauem Nachthimmel mit funkelnder Knautschmimik genießt – aber später auch die Einsicht zum Besten gibt, dass Entertainment nichts als sein Lebensunterhalt ist.

Oft ist die Show des schon nach wenigen Stücken schweißgebadeten Kobolds, der am Ende im Tarnfarben-Schottenrock unter schrillem Gekreische auch die bewährten Pobacken zeigt, aber auch eine Gratwanderung, die kippen könnte. Robbie zeigt Stimm-Power, kann sich auf schubkräftige Songs wie „Monsoon“, „Come Undone“, „Hot Fudge“ und eine perfekte Band mit Bläsern und Background-Chor verlassen. Auch die Zigarette und der Drink zum Swing-Klassiker „One For My Baby“ stehen ihm. Doch manchmal ist man bei Robbie Williams auch darüber überrascht, dass man nicht überrascht wird: Von den Sprüchen bis zum entblößten Hintern kommt dann doch alles, wie man es von ihm erwartet.

Das eine oder andere Dessous fliegt im Laufe des Abends auf die Bühne, wird von Robbie kritisch begutachtet und zurückgeschleudert. Fast 20 Titel präsentiert er, aber das Publikum hat trotz Zugaben noch lange nicht genug. Am Ende sagt er: „Ich bin der geborene Entertainer.“ Das Publikum tobt.

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