Kommentar : Fall Marco W.: Noch länger als unendlich

Erneuter Aufschub in der Türkei: Der Rechtsstreit um den deutschen Teenager Marco W. geht weiter. Ein Urteil fällt nun frühestens nach den türkischen Justizferien im September. Ein Kommentar unserer Istanbul-Korrespondentin Susanne Güsten.

Susanne Güsten[Istanbul]

Und dann wird sich vermutlich der türkische Berufungsgerichtshof in Ankara mit dem Fall befassen. Die Berufungsrichter könnten die Akten zur Neuverhandlung dann wieder nach Antalya schicken – dabei war der Fall Marco W. ohnehin schon als unendliche Geschichte bezeichnet, mit einem Urteil aber am heutigen Mittwoch gerechnet worden.

Dabei ist es richtig, dass die türkische Justiz schwere Strafvorwürfe wie den des sexuellen Missbrauchs eines 13-jährigen Kindes gewissenhaft verfolgt. Der Hinweis auf die Einstellung des Ermittlungsverfahrens der deutschen Staatsanwaltschaft hilft nicht weiter. Die türkischen Juristen müssen nicht zwingend zu denselben Schlussfolgerungen gelangen wie ihre deutschen Kollegen.

Ärgerlich ist nicht so sehr die lange Dauer des Marco-Verfahrens an sich, ärgerlich und kritikwürdig sind vor allem die Gründe dafür: Erst dauerte es lange Monate, bis in Antalya die Aussage des mutmaßlichen Missbrauchsopfers Charlotte beschafft werden konnte; dann sorgten lange Wartezeiten bei der Anfertigung und Bewertung medizinischer Gutachten für Verzögerungen; wegen der Überlastung der türkischen Justiz kann nur ein Verhandlungstag pro Monat angesetzt werden, was den Prozess noch weiter in die Länge zieht. Und nun platzte am Mittwoch die erwartete Urteilsverkündung - weil sich der Staatsanwalt in die Sommerferien verabschiedet hatte.

In einem modernen Rechtsstaat, wie es die Türkei einer sein will, muss ein solcher Prozess schneller über die Bühne gehen, vor allem wenn es, wie hier, um ein junges Mädchen und einen jungen Mann geht, die erst dann in ein normales Leben zurückkehren können, wenn das Verfahren beendet ist. Beide – das mutmaßliche Opfer und der mutmaßliche Täter – haben ein Recht auf einen fairen und auch von der Dauer her angemessenen Prozess. Im Marco-Verfahren kann davon spätestens seit Mittwoch keine Rede mehr sein.

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