Kriminalität : Frauen morden anders als Männer

Kriminalhauptkommissar und Sachbuchautor Stephan Harbort hat sich mit der weiblichen Seite der Gewaltkriminalität beschäftigt. Sein Fazit: Frauen morden nicht nur seltener, sondern auch mit anderen Methoden als Männer. Ein Interview.

Christian Ebner[dpa]

Frankfurt/MainIn seinem bei Eichborn erscheinenden Buch "Wenn Frauen morden", das gleichzeitig Grundlage einer ARD-Serie ist, schildert der Kriminalist exemplarische Fälle. Dabei lässt er auch große Mordserien nicht aus, bei denen sich Täterinnen an ihren Patienten oder an den eigenen Neugeborenen vergriffen haben. "Weil die Täterinnen einerseits auf viele Menschen abstoßend wirken, sind sie aber andererseits als Tabubrecherinnen besonders interessant", sagte Harbort im Interview.

Morden Frauen anders als Männer?

Es gibt tatsächlich einige beachtliche Unterschiede. Frauen töten ihre Opfer überwiegend planvoll, heimtückisch und im häuslichen Milieu, Männer hingegen attackieren meistens unmittelbar, häufig im Affektsturm, wenn ein Streit eskaliert. Die wohl bedeutsamste Abweichung ergibt sich jedoch aus der jeweiligen Motivlage. Während Männer größtenteils morden, um ihre Opfer zu beherrschen und zu vernichten, töten Frauen, um sich nicht weiter beherrschen zu lassen. Männer üben Dominanz aus, Frauen indes wollen sich oftmals aus männlicher Beherrschung befreien. Ihnen geht es vornehmlich um Selbstschutz, Selbstachtung und Selbsterhaltung. Insofern hat die weibliche Tötungskriminalität durchaus etwas Emanzipatorisches.

Warum morden Frauen häufig auch in Serie?

In den meisten Fällen befinden sich die Täterinnen in einer privaten oder beruflichen Sackgassensituation, die sie nur durch die Tötung des Opfers glauben auflösen zu können. Hat sich diese radikale Problemlösungsstrategie einmal bewährt, wird sie bei Bedarf wieder angewendet, zumal rasch eine Tötungsgewöhnung eintritt. Bei Serienmörderinnen ist im Gegensatz zu anderen Tötungen durch Frauen allerdings nicht das Opfer selbst das Problem, sondern die Täterin. Der Problemlösungsversuch muss demnach misslingen, weil die zu den Taten führenden psycho-sozialen Defizite der Täterin letztlich unangetastet bleiben und fortwährend neue Tat-Anreize produzieren. Die zwangsläufige Folge aus diesem Teufelskreis sind weitere Taten.

Warum werden die Taten von Frauen in der Gesellschaft anders aufgenommen als die Verbrechen von Männern?

Besonders beunruhigend sind Tötungen, die gleichsam grundlegende gesellschaftliche Erwartungen verletzen. Wenn Frauen morden, ist das so. Denn ausschließlich männliche Gewalt ist der gesellschaftlich akzeptierte Maßstab für Normverletzungen und Unterdrückung, die tötende Frau hingegen ist der betörende und verstörende Gegenentwurf. Sie missachtet das traditionelle Geschlechterverhältnis, stellt es sogar infrage. Und weil die Täterinnen einerseits auf viele Menschen abstoßend wirken, sind sie aber andererseits als Tabubrecherinnen besonders interessant und provozieren Fragen.

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