Welt : Kuckuck ruft’s aus dem Wald

Der Klimawandel gefährdet den „Vogel des Jahres 2008“ auf eigentümliche Weise

Roland Knauer

Seinen Ruf kennt jeder. Den Vogel, der dahintersteckt, aber bekommt man kaum jemals zu Gesicht. Der Kuckuck lässt sich fast nie sehen. Bereits seit den 60er Jahren aber zählen die Naturschützer des Nabu in Berlin und des Landesbundes für Vogelschutz (LBV) im bayerischen Hilpoltstein jedes Jahr weniger Exemplare des von Wissenschaftlern Cuculus canorus genannten Tieres. Jetzt schlagen sie Alarm und haben den Kuckuck zum „Vogel des Jahres 2008“ gewählt. Der unscheinbare Vogel von der Größe einer Türkentaube bekommt Probleme, weil er vielfältige Lebensräume wie Mischwälder braucht, die in Deutschland vielerorts durch monotone Fichtenforste ersetzt wurden. In solchen Monokulturen aber findet der Kuckuck nur wenige der behaarten Raupen, die seine Leibspeise sind. Mit der Wahl des Kuckucks zum Vogel des Jahres fordern LBV und Nabu also auch, diese Fichtenwälder so rasch wie möglich wieder in Mischwälder zu verwandeln, erklärt der Artenschutzreferent des LBV Andreas von Lindeiner.

Allerdings hat der Kuckuck noch ein ganz anderes Problem: Er kümmert sich anders als viele anderen Vögel nicht um seinen Nachwuchs, sondern legt sogar seine Eier in die Nester anderer Arten. Woher dieser „Brutparasitismus“ kommt, wissen Vogelforscher auch nicht so genau. Möglicherweise vertragen die Mägen der gerade geschlüpften Kuckucke einfach die Hauptnahrung ihrer leiblichen Eltern schlecht, weil viele der Raupen sich mit Gift in ihren Haaren gegen hungrige Mäuler wehren.

Um Verdauungsprobleme beim Nachwuchs zu vermeiden, legen die Kuckucksweibchen ihr Ei dann eben in das Nest einer ganz anderen Art. Damit die eigentlichen Nestbesitzer das untergeschobene Ei nicht gleich erkennen, ähnelt es den eigenen Eiern möglichst genau. Weil diese Wirte oft viel kleiner als der Kuckuck sind und auch kleinere Eier legen, ist das Kuckucksei also ebenfalls klein und hat dieselben Farben und Muster wie die Eier der Stiefgeschwister. Da solche Merkmale der Eier anscheinend vererbt werden, sucht ein Kuckucksweibchen sich meist die Nester der Art für ihre eigenen Eier aus, die sie selbst großgezogen hat. Wer selbst von einem Rotschwanz ausgebrütet wurde, legt seine Eier also in ein Rotschwanznest, waren die Stiefeltern wie in Deutschland häufig Teichrohrsänger, sucht das Weibchen sich deren Nester für die Eiablage aus. Da Teichrohrsänger gern in Auwäldern und Feuchtgebieten brüten, leidet auch der Kuckuck darunter, dass solche Gebiete in Deutschland häufig trockengelegt wurden. Meist merken die Stiefeltern den Schwindel nicht und brüten das untergeschobene Ei mit aus.

Dieser Fehler erweist sich als verhängnisvoll: Der kleine Kuckuck schlüpft schon nach zwei Wochen – und beginnt sein Leben mit einer Schwerstarbeit und einem Geschwistermord: Mit seinem Rücken stemmt er die Eier mit den noch nicht geschlüpften Stiefgeschwistern aus dem Nest. Aus der Sicht des Kuckucks ist das eine optimale Strategie, weil seine Stiefeltern jetzt alles Futter, das für alle Jungvögel gedacht war, auf den kleinen Kuckuck konzentrieren. Und da der Kuckuck ja viel größer wird, braucht er diese Zusatznahrung auch.

Seit der Mensch aber sehr viel Öl, Gas und Kohle verbrennt und mit dem dabei entstehenden Treibhausgas Kohlendioxid das Klima aufheizt, beginnt inzwischen fast überall in Europa das Frühjahr einige Tage eher als früher. Der Teichrohrsänger hat damit keine Probleme, er fliegt einfach ein paar Tage früher aus seinem Winterquartier südlich der Sahara ab. Der Kuckuck überwintert zwar ebenfalls in den Savannen Afrikas, stellt aber seine Reisepläne aus bisher unbekannten Gründen nicht auf das veränderte Klima in Europa um. Erreicht er dann Mitte April zur üblichen Zeit Deutschland, ist der Teichrohrsänger schon längst hier, erklärt LBV-Artenschützer Andreas von Lindeiner. Bis die Weibchen dann ein attraktives Kuckucksmännchen gefunden haben und eigene Eier legen können, sind die Teichrohrsänger-Küken bereits geschlüpft und der Kuckuck findet kein Nest mehr, in das er seine Eier legen kann.

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