Welt : Lange Nächte im East Village

Nirgendwo verändert sich die Welt so schnell

Andreas Oswald

Es gibt wohl kaum einen Ort auf der Welt, der sich so schnell wandelt wie Manhattan. Ein markantes Beispiel ist das East Village, das seit Jahrzehnten Studenten, Künstler und andere Menschen anzieht, auf der Suche nach bunter Urbanität. Es sind die billigen Mieten und die schönen alten Brownstone-Häuser mit den Feuertreppen gewesen, die immer neue Generationen angelockt haben. Das bunte Leben, das da entstand, mit kleinen Cafes, kleinen Theatern, kleinen Geschäften, machte das East Village liebenswert. Eine attraktive Gegend lockt Kapital und Besserverdienende an, die Mieten steigen, ebenso die Preise in den Geschäften.

Einerseits führt das Kapital und die Nachfrage Besserverdienender dazu, dass das Viertel aufgewertet wird. Mehr Geschäfte, mehr Restaurants, Bars und Clubs eröffnen, bisher vernachlässigte Straßen erstrahlen in neuem Glanz. Inzwischen ist die Gentrification aber so weit gediehen, dass Studenten, Künstler und alte Ukrainer, die das East Village früher bevölkerten, tatsächlich fast vollständig verschwunden sind. Die Berufstätigen dominieren immer mehr, das Alter der Bewohner steigt. Gleichzeitig tobt dort stärker denn je ein tolles Nachtleben. Bars und Clubs und schicke Geschäfte breiten sich immer weiter aus, das East Village ist ein schöner Platz, um sich zu vergnügen.

Unweit des East Village, in SoHo, ist diese Entwicklung schon viel weiter fortgeschritten. Hier, wo sich in den 80er Jahren avantgardistische Galerien und Ateliers niederließen, ist längst alles durchkommerzialisiert. In den engen Sträßchen gibt es fast keinen Eingang mehr, der nicht in eine teure Boutique, eine bekannte Ladenkette, ein edles Restaurant führt. Noch in den 90ern gab es am benachbarten Broadway noch ganz alte große Läden aus dem frühen 20. Jahrhundert, in denen orthodoxe Juden eine riesige Auswahl von Knöpfen, Stoffen, Garnen und Bordüren verkauften. Heute sind diese Orte im Besitz bekannter internationaler Klamottenkonzerne. In einem bleibt New York sich treu: Die Stadt wandelt sich immerfort.

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