Welt : Legendärer Postraub: Ein tolldreister Coup

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Am 8. August 1963 musste der nächtliche Postzug von London nach Glasgow wegen eines auf Rot gestellten Signals auf offener Strecke anhalten. Gangster hatten die Anlage manipuliert, um den größten Raub der britischen Kriminalgeschichte vorzubereiten. Im Zug befanden sich 120 Säcke mit gebrauchten Geldscheinen mit dem damaligen Wert von umgerechnet fast 30 Millionen Mark. Die Lokführer des regulären Postzugs wurden überwältigt.

Vier Postangestellte, die mit der Bewachung des Geldes beauftragt waren, wurden gefesselt, während der restliche Zug abgekoppelt wurde. Die Posträuber zwangen Lokführer Jack Mills, den Waggon mit dem Geld auf eine Brücke zu fahren. Unterhalb der Brücke warteten drei bereitgestellte Lastwagen, die in kürzester Zeit mit den erbeuteten Postsäcken beladen wurden. Der Coup soll nur eine Viertelstunde gedauert haben. Scotland Yard sprach anerkennend von "generalstabsmäßiger Planung und präziser Ausführung". Durch Schläge mit einer Eisenstange wurde der 57-jährige Zugführer schwer verletzt. Er erholte sich nie richtig von seinen Verletzungen und verstarb 1970. Die Spur führte zu einem nahe gelegenen Bauernhof, wo die Bande die Beute aufgeteilt hatte. Dank der dabei hinterlassenen Fingerabdrücke wurden die Täter schnell gefasst. Doch nur etwa zehn Prozent des Geldes konnte bislang sichergestellt werden. Laut Ronnie Biggs zählten noch drei weitere Männer zu der Bande, die unbekannt blieben. Biggs bekam einen Anteil von etwa 2,5 Millionen Mark. Er behauptete später in Brasilien, dass auch 50 Rohdiamanten geraubt wurden, die zusammen mehr wert gewesen seien, als die Geldscheine.

Das Geheimnis um die verschwundene Beute hat wahrscheinlich Charlie Wilson mit ins Grab genommen. Als "Schatzmeister" der Bande verriet er bei den Verhören kein Sterbenswörtchen von dem Versteck des Geldes, was ihm den Spitznamen "Die Auster" eintrug. Wie die meisten seiner Kumpane wurde er zu dreißig Jahren Zuchthaus verurteilt. Doch gleich Biggs, Bruce Reynolds und Ronald "Buster" Edwards gelang ihm schon bald die Flucht. Er wurde nach zwei Jahren in Kanada gestellt und verbüßte dann zwölf Jahre Haft. Nach seiner Entlassung zog er nach Spanien und lebte dort in einer Luxusvilla. 1990 wurde er von unbekannten Tätern dort vermutlich von Drogenhändlern erschossen.

Neben Biggs wurde Ronald "Buster" Edwards zur Legende. Ihm gelang es nach Mexiko zu fliehen, doch er stellte sich heimwehkrank 1966 der Polizei. Nach neun Jahren Gefängnis wurde er als allgemein beliebter Blumenhändler mit seinem Stand am Londoner Waterloo-Bahnhof zu einer Touristenattraktion. Phil Collins spielte seine Rolle in der Verfilmung des Postraubes. Er hielt auch bei der Beerdigung seines Freundes eine Totenrede, als sich Edwards 1994 in einem Anfall von Depression in seiner Garage erhängt hatte.

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