Welt : Leichte Panikgefühle im ICE

BERLIN (Ha).Die Furcht fährt mit."Ich habe Angst", sagte eine Rentnerin gestern am Bahnhof Zoo."Ich würde lieber mit dem Flugzeug nach Warschau", meint sie.Doch ihr geht es wie vielen in der Weihnachtsreisezeit und hat lange im Voraus eine Karte gekauft.Das gilt auch für das junge polnische Ehepaar, das mit ihrem kleinen Sohn am Zoo auf den Eurocity "Paderewski" nach Warschau wartet."Angst, viel Angst", sagt die Frau.Erst hinter der Grenze werde sie sich sicher fühlen, denn bislang haben der oder die Täter nur in Deutschland an den Gleisen manipuliert."Es ist alles so ungewiß", meint ein Geschäftsmann, der in die andere Richtung, mit dem ICE Richtung Hannover will.Auch auf die erst kürzlich eröffnete Hochgeschwindigkeitsstrecke hat es mehrere Anschläge gegeben.

Zuletzt waren bei Fallingbostel in Niedersachsen ein Regionalzug am frühen Sonnabend morgen gegen Baumstämme geprallt, die Unbekannte auf die Gleise gelegt hatten.15 Stunden später war ein Güterzug bei Berlin über zwei Betonplatten gerast.Die beiden Anschläge sind die jüngsten Vorfälle im Schienenverkehr.Einige Sabotageakte wie der Anschlag auf den schwedischen Güterzug am Freitag gingen offensichtlich auf das Konto von Erpressern.Die unbekannten Täter halten die Deutsche Bahn AG seit Wochen in Atem.Zehn Millionen Mark fordern sie - und nennen sich "Freunde der Eisenbahn".

Ein jüngerer Reisender, der sich selbst als Eisenbahnfan bezeichnete, nannte dies gestern am Bahnhof Friedrichstraße "zynisch".Bewußt fahre er weiter mit dem Zug."Da fahr ich eher mit dem Auto gegen den Baum, oder mir wirft einer von der Autobahnbrücke einen Ziegelstein durch die Windschutzscheibe."

Ein Lokführer sagte gestern dem Tagesspiegel, daß es kaum Schutz vor den Anschlägen geben könne.Es gebe einfach zuviel Strecken.Er und seine Kollegen sind Krallen in der Oberleitung oder gelockerten Schienenschrauben schutzlos ausgeliefert.Höchstens Betonplatten könne man erkennen, da der Bremsweg bei Tempo 140 jedoch 700 bis 800 Meter betrage, sei es aber auch dann zu spät, meint der frühere Reichsbahner.Er kritisiert, daß seit vielen Jahren aus Rationalisierungsgründen nur noch ein Mann die Loks fahre.Früher seien es zwei gewesen, - "und vier Augen sehen mehr als zwei".Zudem sei das Tempo heute höher als früher.Selbst die Regional-Expreßzüge fahren in Brandenburg bis zu 160 Kilometer pro Stunde.Er hoffe jedoch auf die Pfiffigkeit des Bundesgrenzschutzes.

Der jedoch hält sich bedeckt."Alle verfügbaren Präventionsmaßnahmen sind getroffen ", sagt BGS-Sprecher Ivo Priebe.Näheres wolle man aus ermittlungstaktischen Gründen nicht sagen."Wir wollen nicht ausrechenbar sein." Manches ließ sich jedoch beobachten: So waren auf der Berliner Stadtbahn die Lokführer der Regional-Express-Züge ohne Begleitung von BGS-Beamten unterwegs.In den ICE-Zügen auf der Hochgeschwindigkeitszügen fahren diese jedoch im Cockpit mit.

Strittig ist, ob Satelliten bei der Jagd auf die Erpresser eingesetzt werden können.

Tornados bewachen ICE-Strecke Berlin-Hannover

Besondere Sicherheitsmaßnahmen bei der Bahn erneut verstärkt / Vorwürfe zurückgewiesen

BERLIN (Tsp).Kurz vor dem weihnachtlichen Feiertagsverkehr sind bei der Bahn die Sicherheitsvorkehrungen gegen weitere Anschläge erneut verstärkt worden.Das Bundesverteidigungsministerium bestätigte am Montag den Einsatz von Aufklärungsflugzeugen des Typs Tornado, die mit Spezialkameras die Bahnstrecken überwachen.Vor allem die ICE-Strecke Berlin-Hannover steht nach der Anschlagsserie unter besonderem Schutz, hieß es.Hubschrauber mit Nacht- und Wärmesichtgeräten sind im Einsatz, die Zahl der Sicherheitskräfte wurde in den vergangenen Tagen noch weiter verstärkt.ICE-Loks sollen zum Teil mit BGS-Beamten besetzt sein, die Gleisanlagen mit Nachtsichtgeräten überprüfen.Im sachsen-anhaltinischen Stendal wurde mit Beamten der Polizei und des Landeskriminalamtes (LKA) in Magdeburg eine Sonderkommission gebildet.Sie untersteht dem federführenden Bundeskriminalamt.

Zugleich nimmt die Kritik am Verhalten der Deutschen Bahn AG in der jüngsten Erpressungsaffäre zu.Der Fahrgastverband "Pro Bahn" kritisierte das "eiserne Schweigen" des Unternehmens als "schlampig- schlechte Informationspolitik".Die Bahn hätte viel früher externe Hilfe von der Bundesregierung, vom BGS und von der Polizei anfordern müssen, bemängelte "Pro Bahn"-Sprecher Holger Jansen.Die schlechte Informationspolitik schade dem Ansehen der Bahn zunehmend."Die Reisenden sind natürlich verunsichert, besonders bei dem jetzigen Reiseverkehr in der Weihnachtszeit.Viele denken: Was verschweigt die Bahn noch, was wir nicht wissen?"

Die Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands (GdED) warf der Bahn vor, die Erpresser nicht ernst genug genommen zu haben.Bahnsprecher Heimbach sagte, die Kritiker wüßten nicht, wann die Bahn wen informiert hätte."Die Verantwortung gebietet uns, so zu handeln, wie wir es getan haben".

Von Fahrgästen, die aus Angst ihre Fahrkarten zurückgeben, sei nichts bekannt.

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