Welt : Leise Düsen

Rainer W. During

Am Himmel über Europa soll es leiser werden. Insbesondere die Anwohner von Flughäfen können aufatmen, wenn ab dem 1. April eine EU-Verordnung den Einflug lauter Jets verbietet. Doch noch könnte sich die Regelung als Aprilscherz erweisen. Denn in Russland und in anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion formiert sich Protest. Weil dort viele Luftverkehrsgesellschaften nur über ältere Maschinen verfügen, die den strengen Auflagen nicht entsprechen, versucht man in bilateralen Verhandlungen, das Verbot aufzuweichen.

Betroffen vom Einflugverbot sind alle Düsenverkehrsflugzeuge, die nicht den strengen Lärmschutzanforderungen des so genannten "Kapitel 3" der internationalen Zivilluftfahrtorganisation ICAO entsprechen. Voraussetzung ist, dass sie mehr als 19 Sitze haben oder schwerer als 34 Tonnen sind. Zu den "Krachmachern" zählen neben Modellen wie der Iljushin IL-62 und der Tupolew TU-134, die einst die Flaggschiffe der Interflug waren, ebenso westliche Maschinen wie die Boeing 737-200, die BAT One-Eleven und die Douglas DC-9. Bereits seit 1990 werden diese Flugzeuge in Deutschland nicht mehr zugelassen. Seit 1995 gibt es auch Betriebsbeschränkungen für ausländische Maschinen, die älter als 25 Jahre sind.

Während die Aeroflot im Verkehr nach Westeuropa längst moderne Airbusse und Boeings einsetzt, verfügen viele der kleineren Luftfahrtunternehmen aus der ehemaligen Sowjetunion nur über ältere und entsprechend laute Jets russischer Produktion. Nur die Tupolew TU-154M, die Yakovlev Yak-42 und die wenig verbreiteten neuen Modelle TU-204 und Iljushin IL-96 erfüllen die Umweltauflagen. "Einzelne kleine Anbieter verschwinden aus dem Markt", sagt Udo Siedler vom Flughafen Hannover. Der Airport bietet in Deutschland die meisten Verbindungen in die russische Provinz. 30 Prozent der rund 2100 Starts und Landungen im vergangenen Jahr erfolgten noch mit den Donnervögeln. "Mehrere große russische Gesellschaften haben angekündigt, ihre Kapazitäten mit leisen Maschinen auszuweiten", sagt Siedler. Deshalb rechnet er nicht mit einem Einbruch. In Berlin sind nur Pulkovo Airlines, die von Schönefeld nach St. Petersburg und im Sommer zusätzlich nach Moskau starten, sowie die weißrussische Belavia mit ihrer Minsk-Verbindung betroffen, die bisher häufig die laute TU-134 einsetzten. Beide verfügen auch über leisere TU-154M, die bereits das Standardmodell bei den bulgarischen Ferienfliegern sind.

Hart trifft es dagegen den Gütertransport, da auch das russische Standard-Frachtflugzeug, die vierstrahlige Iljushin IL-76, unter das Verbot fällt. Auf bilateraler Ebene bemüht sich Russland deshalb gegenwärtig bei den westeuropäischen Regierungen um Sonderregelungen. So wird der russische Verkehrsminister in dieser Woche bei der EU erwartet.

"Die Richtlinien lassen nur in außerordentlich beschränktem Rahmen Ausnahmen zu", sagt der Leiter der Luftfahrtabteilung im Bundesverkehrsministerium, Thilo Schmidt. So erlaubt die Richtlinie den Betrieb von Flugzeugen, "an denen ein historisches Interesse besteht" sowie einzelne Einflüge "zur Instandhaltung, Änderung oder Prüfung" sowie den Einsatz "für außergewöhnliche Umstände". Schmidt fliegt am Wochenende zu Gesprächen nach Moskau.

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