Literatur : Ist Gabriel García Márquez dement? Eine Meldung und ihr Dementi

Die Nachricht über eine Demenzerkrankung des Literaturnobelpreisträgers Gabriel García Márquez schlug hohe Wellen. So eindeutig ist der Fall aber wohl nicht.

Tobias Käufer[Bogotá]
Tritt nur noch selten auf. Gabriel García Márquez im März 2011 bei einem Empfang in Mexico-City. Margarita Zavala Calderon, die Frau des damaligen Präsidenten Mexikos, und der Bankier Sir Evelyn De Rothschild helfen dem 85-Jährigen zu seinem Sitzplatz.
Tritt nur noch selten auf. Gabriel García Márquez im März 2011 bei einem Empfang in Mexico-City. Margarita Zavala Calderon, die...Foto: REUTERS

Es war eine hingeworfene Bemerkung. Mehr nicht, möglicherweise. Jaime García Márquez sprach in der vergangenen Woche mit einigen Studenten in Cartagena über seinen prominenten Bruder, den Literatur-Nobelpreisträger Gabriel García Márquez. „Gabito geht es körperlich sehr gut, auch ist er voller Schwung“, sagte Jaime. „Aber seit einiger Zeit plagt ihn eine senile Demenz, eine Krankheit, unter der schon seit jeher die ganze Familie gelitten hat.“

Seit dieser Bemerkung ist nichts mehr so wie es war im kolumbianischen Cartagena, einem der Zentren des kulturellen Schaffens von Gabriel García Márquez und auch nicht in Mexiko, wo der wohl populärste lebende Künstler Lateinamerikas seit Jahrzehnten lebt. Sein Bruder hat seine eigene Theorie, warum das Gedächtnis des Schriftstellers leidet. Nach einer Lymphdrüsenkrebserkrankung im Jahr 1999 habe die Behandlung ihren Tribut gefordert. All die Medikamente hätten dem Körper und dem Gehirn stark zugesetzt.

Kaum hatte die mexikanische Tageszeitung „El Universal“ die Nachricht von der vermeintlichen oder tatsächlichen Demenzerkrankung verbreitet, ging sie um die Welt. Es dauerte einige Zeit, bis die Stiftung des Künstlers, eine Journalistenschule, die Fundación del Nuevo Periodismo, die Welle des Mitgefühls zu brechen versuchte. „Ich möchte nicht polemisieren und auch keine Interpretationen über die Privatsphäre und die Gesundheit von Gabo kommentieren. Aber ich kann Ihnen versichern, dass es keine medizinische Diagnose gibt, die eine senile Demenz bescheinigt“, stellte Stiftungs-Direktor Jaime Abello klar. Zugleich richtete er einen dramatischen Appell an den Rest der Kulturwelt: „Bitte keine weiteren Solidaritätsadressen mehr. Gabo ist nicht demenzkrank, er ist einfach nur alt und vergesslich und wir können ihn immer noch als Freund genießen.“ Der Versuch der Stiftung in Cartagena, die Wogen zu glätten, wird die Spekulationen über den Gesundheitszustand des Kolumbianers nur schwerlich stoppen. Sein letztes Werk veröffentlichte García Márquez 2004, in der Öffentlichkeit tritt der vor wenigen Wochen 85 Jahre alt gewordene Schriftsteller nur noch selten auf.

Ob der Autor unter Demenz leidet oder nicht, kann nicht eindeutig beantwortet werden, weil es keine klare für die Öffentlichkeit bestimmte Stellungnahme von ihm oder seiner Familie gibt. War die Bemerkung seines Bruders vor Studenten ein Versehen? Oder soll die Öffentlichkeit durch eine halböffentliche und anschließend von anderer Seite dementierte Bemerkung langsam auf etwas vorbereitet werden?

Im Spätherbst seines Lebens ist das Umfeld des Autors vor allem darum bemüht, seinen Ruf der Nachwelt zu erhalten. Cartagena und Kolumbien pflegen das Image des fiktiven Dorfes Macondo, das García Márquez in seinem weltberühmten Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“ beschreibt. Für das Werk erhielt er 1982 den Literatur-Nobelpreis. Im Jahr 1967 veröffentlicht, schildert Garcia Marquez in unnachahmlicher Manier wie in Macondo, das eigentlich seine Heimatstadt Aracataca ist, die Menschen gegen Unterdrückung und für Freiheit kämpfen. Vielleicht ist die Reaktion der Mitarbeiter von García Márquez auch deshalb so scharf, weil es stets die Erinnerungen waren, auf die sich der Ruhm begründete. Die schriftlich niedergeschriebenen Erinnerungen an die Kindheitstage in Aracataca machten ihn zum Weltstar der Literatur, die Erinnerungen im Doku-Roman „Nachricht einer Entführung“, in der García Márquez sehr scharf die brutale Realität Kolumbiens im Zeitalter des Drogenbarons Pablo Escobar schildert, sind so etwas wie das kollektive Gedächtnis einer Nation. Und diese Nation darf ihr Gedächtnis eben nicht verlieren. Es wäre ein Jammer.

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