Welt : Londoner Findelkind: Kein Kaspar Hauser

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Die Londoner Polizei ihre Ermittlungen zur Herkunft eines mysteriösen Findelkindes eingestellt. Die Eltern eines Jungen, der im März aufgegriffen worden war und seitdem nicht identifiziert werden konnte, meldeten sich am Mittwoch bei den Behörden, wie ein Polizeisprecher mitteilte. Die Behauptungen des etwa zwölf Jahre alten Jungen, er sei acht Jahre lang in einem Haus gefangen gehalten worden, würden nun nicht weiter verfolgt. Den Angaben zufolge stammen die leiblichen Eltern aus Nordengland, der Junge lebte aber bei Pflegeeltern in London.

Die Ermittlungsbehörde Scotland Yard wandte sich am Mittwoch mit einem Foto an die Öffentlichkeit, um Hinweise zur Identität des Jungen zu erhalten. Der etwa 13-jährige Junge war am 8. März einem Passanten aufgefallen, als er ängstlich und verwirrt über die Tower Bridge im Zentrum von London lief. Er spricht nur gebrochen Englisch und berichtete den Ermittlern, er habe die Sprache vom Fernsehen gelernt. Er wurde nach eigenen Angaben im Alter von fünf Jahren in ein Haus gebracht, wo er seither gefangen gehalten und misshandelt worden sei. Warum er von den Pflegeeltern weglief und ob er von ihnen als vermisst gemeldet wurde, war gestern nicht zu erfahren.

Ähnliche Fälle von unbekannten, plötzlich auftauchenden Kindern haben schon immer die Phantasie der Menschen angeregt. Am bekanntesten ist der Fall des Jungen Kaspar hauser, der zu Pfingsten 1828 im Alter von schätzungsweise 16 Jahren und völlig verstört in Nürnberg auftauchte. Generationen von Publizisten und Historikern, Ärzten und Genalogen haben sich mit diesem geheimnisvollen Jungen beschäftigt. Seine Identität konnte bis heute nicht gekärt werden. Spekulationen gibt es dagegen reichlich. Auch er soll - wie der Junge aus London - Jahre in einem finsteren Verließ verbracht haben, weil er, so eine der ältesten Theorien, als Kind fürstlicher Eltern aus dem Weg geschafft werden sollte, um anderen den Weg auf den Thron frei zu machen. Dafür soll die auffällige Lernwilligkeit und seine guten Sitten gesprochen haben, ganz so als ob sich gute Sitten mit dem blaue Blut vererben würden. Von der Faszination des unbeschriebenen Kindes nicht beeindruckte Naturwissenschaftler halten das für Unsinn. Kaspar Hauser war nicht adlig und im Verließ, sagen sie, sondern ein armer kranker Bauernjunge.

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