Welt : Lotto: Nur die Liebe zählt

Bas Kast

Macht Geld glücklich? Hat der, der den Jackpot knackt, wirklich das große Los gezogen? "Mit gewonnenem Geld haben außerordentlich viele Leute Probleme", sagt der Braunschweiger Psychologe Heiner Erke. Den Grund sieht der Experte nicht zuletzt in dem Umstand, dass auch den Lottogewinnern bewusst ist, dass sie das Geld im buchstäblichen Sinne nicht verdient haben. Sie haben für dieses Geld nicht gearbeitet. Sie haben dafür nichts geleistet. Sie haben einfach nur Glück gehabt.

Schon bevor es überhaupt Geld auf der Welt gab, hätten die Menschen ein Gefühl für den Wert von Leistung und Entlohnung entwickelt. Dieser "Gleichgewichtswert" gerate bei vielen Gewinnern von Glücksspielen ins Wanken. "Erfolg und erbrachte Leistung müssen für dieses Gleichgewicht stimmen", sagt Erke. So ahne jeder, wie lange er arbeiten muss, um sich einen Urlaub oder ein Paar Schuhe leisten zu können. Bei einem plötzlichen Millionengewinn gelten diese Bezüge dann nicht mehr.

Glück durch Lottogewinn - für Psychologen ist diese einfache Gleichung in mehrfacher Hinsicht eine fatale Täuschung. Was nicht heißen soll, dass Geld gar nicht glücklich machen könne. Dennoch ist der große Lottogewinn mit so mancher Illusion verbunden.

Illusion Nummer 1. Sie beginnt bereits vor dem Gewinn, mit dem Kauf des Lottoscheins nämlich: Es ist wahrscheinlicher, von einem Blitz erschlagen zu werden, als sechs Richtige im Lotto zu haben. Die konkreten Hoffnungen, die zahlreiche Menschen in einen Lottogewinn setzen, die Häufigkeit, mit der sie von diesen Hoffnungen sprechen, das Medieninteresse am soundsovielten 30-Millionen-Jackpot - all das steht in keinem Verhältnis mit der Wahrscheinlichkeit für den Einzelnen, jemals von diesem Jackpot etwas abzubekommen.

Illusion Nummer 2. Der Lottogewinn führe zu dauerhaftem Reichtum. "Wir wissen aus vielen Untersuchungen, dass viele Lottogewinner nach einigen Jahren wieder genauso arm beziehungsweise genauso reich sind, wie vor ihrem Glückstreffer", sagt der Berliner Psychotherapeut Wolfgang Krüger, der ein Buch über "Die Faszination des Geldes" geschrieben hat. Der Grund: Die meisten Menschen haben nie gelernt, mit Geld umzugehen. "Kinder, die in reichen Verhältnissen groß werden, lernen häufig, wie man damit umgeht, wie man es anlegt, wie man Bedürfnisse aufschiebt, auch wenn man eigentlich die Mittel hätte, alle diese Bedürfnisse sofort zu befriedigen", sagt Krüger. "Aber die meisten, die sich plötzlich mit dem Millionengewinn konfrontiert sehen, haben nie gelernt, mit so viel Geld umzugehen."

Das führt zur Illusion Nummer 3, der vielleicht verhängnisvollsten: Geld mache glücklich. "Natürlich macht ein Lottogewinn zunächst glücklich", sagt Krüger. "Wir brauchen ja auch Geld, um glücklich zu sein." Dauerhaftes Glück aber, sagt der Psychologe, hänge entscheidend von zwei Komponenten ab: Das betrifft einmal die soziale Komponente, Liebe, Freundschaften, Kinder. Die andere Komponente besteht aus Zielen, die man sich setzt und für die man arbeitet, um sie zu erreichen. In der Überwindung der Hindernisse, die zu diesen selbstgesteckten Zielen führen, im sukzessive Erreichen dieser Ziele liegt das Glück.

Ein Lottogewinn kann die beiden Glückskomponenten durchaus unterstützen. Insofern kann das große Los tatsächlich zum großen Glück beitragen. "18 Millionen können schon euphorisch machen", sagt Krüger, "keine Frage." Insbesondere treffe das zu, wenn es eben mangelndes Geld war, das der Selbstverwirklichung bislang im Weg gestanden hat. "Wer so wenig Geld hatte, dass er sogar über eine Fahrkarte nachdenken musste, ob er sich die leisten könne - natürlich hilft da ein Lottogewinn", sagt Krüger.

Für diejenigen aber, die schon vorher gut verdient haben, bedeutet das Mehr an Geld oft nicht ein Mehr an Glück. Nach einer anfänglichen Euphorie setzt ziemlich schnell die Normalität wieder ein. "Das Klügste, was ein Lottomillionär deshalb machen kann", so Krügers Fazit, "ist: Nach dem Gewinn einfach so weiterzumachen, wie bisher."

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