Welt : Machismo schadet der Gesundheit

Ruth Ciesinger

Dem deutschen Mann geht es gar nicht gut. Das Übergewicht plagt seine rheumatischen Gelenke, zuviel Zigaretten lassen ihn kurzatmig hecheln, und der Leber ist vor lauter Bier auch schon ganz schlecht. Zum Glück gibt es Umfragen, die messerscharfe Rückschlüsse auf die Ursache des Problems zulassen. Die Erkenntnis: Der Durchschnittsmann nimmt seine Gesundheit nicht ernst genug. Würde ihm eine gute Fee drei Wünsche erfüllen, wäre sie kein Thema. Sondern, entsprechend einer soeben über Agentur veröffentlichten Prioritätenliste, wohl eher eine schöne Frau, ein Ferrari - und Sex. Passend zum heutigen Weltmännertag zerbrechen sich nun an diesem Wochenende in Wien beim ersten "Weltkongress für Männergesundheit" Internisten aus aller Herren Länder den Kopf darüber, wie dem starken Geschlecht wieder auf die Beine geholfen werden kann. Denn anscheinend handelt es sich beim kranken Mann sogar um ein weltweites Problem.

Und warum? Weil viele Männer den harten Kerl markieren wollen, erklärt Anita Rieder, die Vizepräsidentin des Kongresses. Sie gingen erst zum Arzt, wenn sie bereits akute gesundheitliche Probleme hätten, und dann "berichten sie von Symptomen nur, wenn es mit ihrem Selbstbild vereinbar ist". Also sagt ein Mann nicht, dass er Bauchweh hat, sondern täuscht ein gebrochenes Bein vor? Ein anderes Problem: Die meisten Männer bauen Stress im Job nicht durch Sport oder andere gesundheitsfördernde Freizeitaktivitäten ab, sondern essen und trinken erstmal ordentlich, wenn sie nicht befördert worden sind. Also sterben nach den Wiener Statistiken Männer doppelt so häufig an Darmkrebs wie Frauen, 70 Prozent im Alter zwischen 30 und 50 Jahren haben Übergewicht, und anscheinend sterben dreimal soviel Männer an einer durch zuviel Alkoholkonsum verursachten Leberzirrhose. "Man muss sich endlich um die Männergesundheit kümmern", resümiert Rieder das Schreckensszenario.

Wie das passieren soll, darüber sind sich die Experten uneins. Einen eigenen Männerarzt halten viele für übertrieben. Vielleicht reicht es auch, wenn Mann selbst sensibler gegenüber der eigenen Gesundheit wird.

Eventuell ließe sich das Problem auf eine Weise lösen, von der auch die Frauen etwas haben. Denn wie eine Studie im Auftrag der Bremer Universität herausgebracht hat, ist das klassische Selbstbild des Mannes nicht nur veranwortlich für dessen desolaten Gesundheitszustand. Denn der Mann, der sich als traditioneller Ernährer begreift, der mit der Keule in der Hand die Höhle verlässt, um das Mammut zu jagen - der ist auch Schuld an der wachsenden Doppelbelastung der Frauen.

Die Studie des Bielefelder Soziologen Hans-Peter Blossfeld und seiner Bremer Kollegin Sonja Drobnic zeigt, dass in zehn europäischen Ländern, wie auch in den USA und in China, zwar immer mehr Frauen berufstätig sind, sich der Mann aber deswegen nicht mehr um die Familie kümmert. Deutschland gehört laut Blossfeld zu den Ländern, wo das Rollenverhalten immer noch besonders stark ausgeprägt ist. Selbst wenn die Frau mehr verdient, sehe sich der Mann in der Rolle des Haupternährers. Blossfeld gibt ein Beispiel: Mit dem Gehalt der Frau werden Urlaub und andere "Extras" gezahlt, das Geld des Mannes aber wird für Lebensnotwendiges wie Miete und Essen verwendet. Die wenigsten Väter nehmen Erziehungsurlaub, und wenn das Kind krank ist, dann bleibt in der Regel die Frau zu Hause. Wenn ein Mann sich der Hausarbeit widme, dann nur Tätigkeiten, die ihn auch in seinem "Mann Sein" bestätigten - Auto reparieren und Löcher in die Wand bohren. Wenn die Mediziner in Wien fordern, dass die Ehefrauen ihre Gatten mehr auf die eigene Gesundheit aufmerksam machen sollten, könnte das vielleicht so aussehen: Der Mann hält sich nicht mehr für Sylvester Stallone, kümmert sich auch mal um die Kinder und wird gesünder, und seine emanzipierte Frau hat weniger Stress.

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