Welt : Magersucht: Dünnsein als oberstes Gebot

Katharina Schuler

"Wenn Du nicht dünn bist, bist Du nicht attraktiv" lautet das erste von zehn Geboten für Magersüchtige. Fortgesetzt wird die Liste der sogenannten "Thin Commandments" mit Glaubensätzen wie "dünn sein ist wichtiger als gesund sein", "iss nie, ohne Dich schuldig zu fühlen" oder auch "Du kannst nie zu dünn sein". Veröffentlicht ist die Liste im Internet auf einer der schätzungsweise rund vierhundert Seite, auf denen Magersüchtige ihre Krankheit verherrlichen. Unlängst haben Patientenverbände aus Frankreich und den USA auf diese Seiten aufmerksam gemacht. Auf ihnen bekommt der Leser das gesamte neurotische Potential aus Selbsthass und Verzweiflung geboten, das die Krankheit so gefährlich macht. In einem ebenfalls auf dieser Seite veröffentlichten Glaubensbekenntnis heißt es zum Beispiel "ich glaube an die (Selbst-)Kontrolle als der einzigen mächtigen Kraft, die Ordnung in mein Chaos bringt" oder "ich glaube an die Perfektion und versuche sie zu erreichen".

In diesen Sätzen drückt sich das Krankheitsbild in geradezu klassischen Formeln aus. Nach Ansicht von Ingeborg Holterhoff-Schulte, Referentin für Suchtprävention bei der Niedersächsischen Landesstelle gegen Suchtgefahr, liegt eine der Hauptursachen für die Magersucht in dem enormen Leistungsdruck, dem gerade junge Mädchen heute ausgesetzt sind. "Junge Mädchen müssen heute alles sein: erfogreich, selbstbewusst, gutaussehend und gleichzeitig auch noch fürsorglich, sozial und mütterlich". Mädchen, die magersüchtig würden, stammten zudem häufig aus Familien, in denen Eltern ihre Kinder nicht erwachsen werden lassen. In der Krankheit fänden die Mädchen einerseits das strenge Reglement wieder, das sie aus dem Elternhaus kennen, auf der anderen Seite verschaffe ihnen die Herrschaft über den eigenen Körper ein Gefühl von Autonomie und damit einen Ersatz für die mangelnde Selbstständigkeit.

Die betreffenden Internetseiten werden von Menschen gemacht, die ihre Magersucht als etwas Positives erleben. Erklärtes Ziel ist es, "sich gegenseitig zu helfen, wenn alle anderen gegen einen zu sein scheinen", und helfen heißt in diesem Fall, sich gegenseitig in dem krankhaften Verhalten zu bestärken. Zum Ansporn werden die Fotos stark abgemagerter Frauen veröffentlicht, dünne Prominente wie Kate Moss oder Ally McBeal werden als Idole gefeiert. Auch Spice-Girl Victoria Beckham gilt gewissermaßen als Vorbild. Denn die Sängerin hat nun erstmals eingeräumt, an Essstörungen zu leiden. Sie selbst sieht ihr Verhalten aber durchaus kritisch und keineswegs positiv. Die britische Zeitung "Mail On Sunday" veröffentlichte kürzlich erste Auszüge von Victorias Biografie, in der sie unter anderem von dem Kampf gegen die Pfunde erzählt.

Noch vor dem großen Erfolg der Spice Girls lebten die fünf Bandmitglieder zusammen in einem Haus in Berkshire und erhielten die Anweisung, Gewicht zu verlieren. "Posh Spice" Victoria schreibt in ihrem Buch, Geri habe sie und Melanie Chisholm aufgefordert, jeden Morgen in aller Frühe joggen zu gehen. Später habe sie ihnen Shakes serviert, die den Appetit reduzieren sollten. In dieser Zeit sei das Abnehmen zur Sucht geworden.

Nachdem einige Verbände protestiert hatten, hat der Internet-Provider ahoo bereits 21 Seiten gesperrt, doch viele Angebote sind nach wie vor zugänglich. Deutsche Verbände sind bisher noch nicht mit dem Problem in Berührung bekommen, da fast alle Seiten dem englischen Sprachraum zugeordnet werden können. Sollten solche Seiten in Zukunft auch auf deutschen Servern auftauchen, dann ließe sich dagegen ebenfalls nur durch Proteste bei den Anbietern vorgehen. Staatlicherseits verbieten lassen sich Internetseiten nur, wenn ihr Inhalt strafbar ist.

In Deutschland sind nach einer Studie der Medizinischen Hochschule Hannover etwa zwei Prozent aller jungen Frauen magersüchtig noch einmal vier Prozent leiden an Bulemie, das heißt sie kompensieren Fressattacken durch selbst herbeigeführte Brechanfälle und kontrollieren ihr Gewicht auf diese Weise. Innerhalb von 20 Jahren sterben etwa 17 Prozent aller Magersüchtigen an ihrer Krankheit, das sind jährlich etwa 1700 Todesfälle. Damit ist die Magersucht die Krankheit mit der höchsten Todesrate in dieser Altersklasse. Obwohl zunehmend auch Männer magersüchtig werden, sind nach wie vor 98 Prozent der Betroffenen weiblich. Experten rechnen in den nächsten Jahren mit einer epedemieartigen Ausbreitung dieser Art der Essstörung. Zu beobachten sei, dass die Mädchen, die stark auf körperliche Atrribute achteten, immer jünger würden. Schon Zehnjährige machen Diäten, sagt Ingeborg Holterhoff-Schulte. Ihrer Ansicht nach muss vor allem das Angebot von auf Magersucht spezialisierten Beratungsstellen ausgeweitet werden.

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