Welt : Man trägt kurz

Es ist nicht mehr zu verhindern: Männer dürfen wieder in kurzen Hosen herumlaufen

Grit Thönnissen

Vielleicht haben wir in den vergangenen vier Wochen einfach zu viele von ihnen gesehen: Helden in kurzen Hosen. Die dafür bejubelt wurden, dass sie ihre haarigen Knie ins Flutlicht hielten oder sich ihrer Beinbekleidung aus Begeisterung gleich ganz entledigten, wie der Italiener Gennaro Gattuso es nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft tat. Aber bei ihm und seinen Fußballkollegen Zinedine Zidane, Michael Ballack und David Beckham gehören kurze Hosen nun mal zur Arbeitsbekleidung und sind deshalb verzeihlich.

Aber müssen sich deshalb gleich alle anderen Männer diesen Dresscode so zu Herzen nehmen? Es scheint, dass in diesem Sommer die kurze Hose zum alltäglichsten aller Kleidungsstücke geworden ist und zwar eben nicht auf dem Platz, nicht am Strand und nicht im eigenen Garten beim Unkrautjäten. Nein, mitten in der Stadt trägt Mann in diesem Sommer ganz befreit kurze Hosen. Und dass er dabei so zufrieden wirkt, könnte daran liegen, dass er dazu luftige Hemden mit kurzen Ärmeln und die etwas modernere Variante der Sandale, nämlich das Trekkingmodell, mit dem man auch Klapperschlangen tottreten kann, kombiniert. Zur kurzen Hose gibt es dann nicht mehr viel zu sagen: Meist changiert ihr Farbton zwischen Beige und Khaki, je nachdem wie viele Waschgänge sie schon hinter sich hat, sie endet knapp über dem Knie und ist vom jahrelangen Tragen schon ganz ausgebeult.

Denn die meisten Männer besitzen ja meist nur ein lieb gewonnenes Modell, das sie mal vor einem Urlaub erstanden haben. Wenn sie ganz praktisch oder abenteuerlustig veranlagt sind, ist es sogar eines, das man mit einem Reißverschluss in Kniehöhe erst in eine kurze Hose verwandeln kann.

Aus gutem Grund herrscht in den meisten deutschen Firmen noch striktes Kurze-Hosen-Verbot: Beim Anblick des stacheligen Männerbeines eines Anlageberaters würden sich viele das mit dem Kredit vielleicht noch mal überlegen.

Dass sich nun die deutsche Nationalmannschaft am Sonntagmittag vor dem Brandenburger Tor teilweise in kurzen Hosen von hunderttausenden Menschen feiern ließ, könnte das Missverständnis noch verschärfen. Zumal der Spieler Lukas Podolski sich einen zusätzlichen Mode-Fauxpas erlaubte: Er trug Badelatschen.

Nun könnte man meinen, dass Rettung aus Paris oder Mailand – den Bastionen des guten Geschmacks – zu erwarten wäre. Doch was man in den vergangenen zwei Wochen bei der Präsentation der Männermode für Sommer 2007 zu sehen bekam, lässt für das nächste Jahr eine noch viel schlimmere Kurze-Hosen-Schwemme erwarten: Zu Sakkos, Mänteln, T-Shirts, Hemden und auch mal zum nackten Oberkörper kombinierten die Modehäuser von Prada über Dolce & Gabbana bis hin zu Gucci Hosen, die reichlich nackte Waden sehen ließen.

Natürlich hatten diese Modelle wenig mit jenen zu tun, die man auf hiesigen Straßen bewundern darf: Mit feinen Nadelstreifen und aus edlen Stoffen sahen sie oftmals aus wie abgeschnittene Anzughosen. Aus Satin, bunt gemustert oder, wie bei Vivienne Westwood, als geschnürte Piratenhose waren sie wenigstens gewagt und ausgefallen.

Dass die Designer es durchaus ernst meinen mit ihrer neu entdeckten Liebe, führte der große alte Mann der italienischen Mode am eigenen Leib vor: Giorgio Armani betrat nach seiner Schau die Modebühne in – nun, was schon - Bermudas.

In Berlin geht es auch nach der WM erst einmal weiter mit den schlechten Vorbildern: An diesem Wochenende zeigen auf den beiden Modemessen Premium und Bread & Butter insgesamt fast tausend Modefirmen – von der großen Jeansmarke bis hin zum Jungdesigner, was im nächsten Sommer in unseren Läden hängen wird. Und da die Modeleute ja nun mal als Trendsetter vorangehen müssen, werden sie in Erwartung sommerlicher Temperaturen eines sicher im Gepäck haben: kurze Hosen.

Von Freitag bis Sonntag finden in Berlin mehrere Modemessen, Modenschauen von Berliner Modeschulen und auch etablierten Marken statt.

www.breadandbutter.com

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