• Mathematik für alle: In Frankreich landete eine landesweite Abi-Aufgabe im Netz

Mathematik für alle : In Frankreich landete eine landesweite Abi-Aufgabe im Netz

In Frankreich ist am Vorabend der Abiturprüfung eine der landesweit vergebenen Rechenaufgaben im Internet publiziert worden. Selbst Präsident Sarkozy schaltete sich ein.

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Jährliches Ritual. Bei französischen Abiturprüfungen wird oft getrickst.
Jährliches Ritual. Bei französischen Abiturprüfungen wird oft getrickst.Foto: AFP

Kein Thema erregt die Franzosen mehr als das Baccalauréat, das „Bac“, wie die dem deutschen Abitur vergleichbare Reifeprüfung abgekürzt lautet. Jedes Jahr wird sie von hunderttausenden Mädchen und Jungen an denselben Tagen und mit denselben Aufgaben zum Ende ihrer Schulzeit abgelegt. In diesem Jahr war die Erregung so groß wie nie zuvor. Selbst Staatspräsident Nicolas Sarkozy musste seinem Erziehungsminister die Leviten lesen – ein nationales Psychodrama.

Am Vorabend der schriftlichen Prüfung für das „Bac S“ mit den Schwerpunkten Mathematik und Naturwissenschaften war auf einer Internetseite eine der vier Rechenaufgaben veröffentlicht worden. Erziehungsminister Luc Chatel zögerte. Doch eine Wiederholung der Prüfung kam wegen der organisatorischen Probleme und der hohen Kosten nicht infrage. So entschied er, die publik gewordene Aufgabe zu annullieren und nur die korrekte Lösung der anderen Aufgaben zur Ermittlung der Punkte für die Gesamtnote heranzuziehen. Das löste einen kollektiven Aufschrei der Betroffenen aus. Eltern blockierten mit Protestanrufen die Telefonzentrale des Ministeriums. Sollen ihre Kinder umsonst für die begehrten hohen Durchschnittsnoten gebüffelt haben?

Gegen die mutmaßlichen Täter, drei junge Männer und den Vater eines von ihnen, wurden inzwischen Untersuchungsverfahren eröffnet. Der Vater, ein Drucker, dessen Betrieb für das Erziehungsministerium arbeitet, soll eine Kopie der Aufgaben seinem Sohn gezeigt haben. Der soll sie an zwei Freunde weitergegeben haben, die sie dann ins Netz stellten.

Pannen beim „Bac“ gibt es jedes Jahr. Mal wird eine Aufgabe zurückgezogen, weil sie, wie erst in letzter Minute festgestellt wurde, fehlerhaft formuliert worden ist. Mal kommt es dazu, dass, wie im April auf Korsika, der Lieferwagen mit den Kopien für die Prüfungen überfallen wird. Die Täter hatten es möglicherweise auf Geld abgesehen und das Fahrzeug aus Enttäuschung angezündet. Die Aufgaben wurden trotzdem geändert. Dies ist freilich harmlos im Vergleich zu den Unehrlichkeiten, die sich während der Prüfungen selbst abspielen. So mussten kürzlich wegen massiver Betrügereien an einer Berufsschule bei Paris die Abschlussprüfungen wiederholt werden.

Das Phänomen des Betrugs bei Prüfungen ist nach einem Bericht der Zeitung „Le Parisien“ nicht mehr auf die Schulen beschränkt, sondern hat inzwischen auch die Universitäten erfasst. Wegen der großen Zahl von Prüflingen, die meist in riesigen Sälen über ihren Aufgaben schwitzen, seien die Kontrollen weniger effizient, hieß es in dem Bericht. Erschwert wird die Überwachung zudem durch moderne Geräte wie Smartphones, die den Spickzettel früherer Generationen abgelöst haben. So wurde ein Student an der Sorbonne erwischt, wie er nach dem zweiten Gang zur Toilette mit der Lösung seiner Aufgabe zurückkam. Ein Freund hatte sie ihm per SMS übermittelt.

Am Donnerstag befasste sich das Pariser Verwaltungsgericht mit der Klage, die von Eltern der von der kompromittierten Mathematik-Prüfung betroffenen Schüler gegen die Entscheidung des Erziehungsministers eingereicht wurde. Das Urteil soll in einigen Wochen erfolgen. Die Ergebnisse des „Bac“ will das Ministerium, wie vorgesehen, am 5. Juli bekannt geben.

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